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Aus: Ausgabe vom 06.02.2019, Seite 8 / Abgeschrieben

DLF-Kommentar zu USA, EU und Venezuela: »Rückfall in kolonialistische Zeiten«

Am Sonnabend fanden in Caracas Großkundgebungen von Unterstützern und Gegnern der Regierung Venezuelas statt. Die luxemburgische Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek befasste sich am Montag mit der Berichterstattung in Deutschland darüber:

In den wichtigsten Medien wurde (…) vorwiegend über die Kundgebung der Regierungsgegner berichtet, einige Agenturen wie die deutsche dpa sendeten fast ausschließlich Fotos von deren Teilnehmern.

Der deutsche öffentlich-rechtliche Sender ARD ging in seiner Hauptnachrichtensendung »Tagesschau« am Sonntag abend so weit, zu behaupten, die Bilder von der Kundgebung der Unterstützer der Regierung seien »gefälscht«. Zum »Beweis« wurden undatierte Videoaufnahmen von fast leeren Straßen gezeigt. Im Gegensatz dazu verbreitete die französische Agentur AFP neben den offiziellen Fotos, die von der venezolanischen Regierung zur Verfügung gestellt worden waren, auch Bilder ihres eigenen Korrespondenten, auf denen ein schier unübersehbares Menschenmeer zu sehen ist.

Deutschlandradio-Reporter Sebastian Engelbrecht kommentierte am Montag abend im DLF die Anerkennung des venezolanischen Parlamentspräsidenten Juan Guaidó als Interimspräsidenten des Landes:

Es ist ein Rückfall in kolonialistische Zeiten. (…) Man reibt sich die Augen: Sind die Zeiten einer paternalistischen Politik Europas gegenüber den Staaten auf der südlichen Halbkugel nicht ein- für allemal vorbei? Schamlos mischt sich der deutsche Außenminister Heiko Maas in die inneren Angelegenheiten Venezuelas ein – und beruft sich dabei auf die Werte der Demokratie, auf das Leid der Venezolaner, die hungern und gesundheitlich schlecht versorgt werden.

Die Bundesregierung handelt im Einvernehmen mit Spanien, Frankreich und Großbritannien, den großen Kolonialmächten des Kontinents. Zuvor hatten die europäischen Staaten Maduro gar ein Ultimatum gestellt. (…)

Es fragt sich, mit welchem Recht Deutschland und seine europäischen Partner so handeln. Sie missachten die Souveränität Venezuelas, indem sie in einem internen Machtkampf Partei ergreifen. Dabei wähnen sie sich auf der sicheren Seite, nachdem die USA bereits zwei Wochen zuvor Guaidó aus der Ferne zum Präsidenten inthronisiert haben. Diese opportunistische Politik der Europäer folgt einer finsteren Tradition: Jahrzehntelang haben sich die USA in Mittel- und Südamerika in innere Angelegenheiten anderer Staaten eingemischt. Sie stützten Militärdiktaturen, etwa in Chile und Argentinien – ebenso wie autoritäre Regime in El Salvador und Guatemala.

Dass Venezuela freie Präsidentschaftswahlen braucht, ist unbestritten. Dass Maduro das Land in eine aussichtslos erscheinende Krise manövriert hat, ebenso. Dennoch bleibt der Kampf um die Macht in Venezuela eine Angelegenheit der Venezolaner. (…)

Was ist der Grund der einseitigen Parteinahme der USA, Deutschlands und einiger europäischer Staaten für Guaidó? Die Bekenntnisse zur Unterstützung der Demokratie und zur Verbesserung der humanitären Situation erscheinen wie eine Camouflage der eigenen Interessen. Venezuela gilt als das ölreichste Land der Erde. Hier haben alle beteiligten Exkolonialmächte auf lange Sicht ein Interesse an guten Beziehungen und an einem gefügigen Präsidenten.

Glücklicherweise folgt Italien nicht der Linie der ehemaligen europäischen Kolonialmächte. Ein Denkanstoß aus dem eigenen Lager.

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