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Aus: Ausgabe vom 06.02.2019, Seite 6 / Ausland
Papst in Jemen

Papst schweigt zu Jemen

Kirchenoberhaupt lässt sich für Kampagne der Vereinigten Arabischen Emirate einspannen
Von Gerrit Hoekman
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Segnung für Kriegsherr: Der Papst verabschiedet sich am Dienstag in Abu Dhabi von Machthaber Mohammed bin Sajed

Diego Maradona jubelte: »Es ist fantastisch, weil es etwas Historisches ist.« Der ehemalige Fußballer meinte aber nicht etwa den Gewinn der Weltmeisterschaft. Maradona kommentierte den Besuch von Papst Franziskus in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), zu dem der Pontifex am Sonntag aufgebrochen ist. Maradona war dort selbst für zwei Jahre als Trainer aktiv.

Noch nie hat ein Oberhaupt der katholischen Kirche die Arabische Halbinsel besucht. Darum machte Maradona seinem argentinischen Landsmann Jorge Mario Bergoglio vor dem Abflug nach Abu Dhabi Mut: »Die Mehrheit dort sind Muslime, aber sie leben friedlich mit anderen Religionen zusammen, inklusive des Katholizismus. Sie sind wirklich ein nachstrebenswertes Beispiel«, postete er auf Instagram.

Rund eine Million Katholiken lebt in den VAE, das sind etwas mehr zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Die allermeisten sind Gastarbeiter aus Indien und von den Philippinen. Sie sind als Christen geduldet, solange sie nicht missionieren. Dazu gehört unter anderem das Verteilen christlicher Schriften, das unter Strafe verboten ist. Die beiden lokalen Internetanbieter sind angehalten, keine Homepages anderer Religionen als des Islam zuzulassen.

»Wir heißen Papst Franziskus in den VAE willkommen«, erklärte Kronprinz Scheich Mohammed bin Sajed am Sonntag im Internet. »Wir sind durch unsere Humanität, unsere gemeinsamen Prinzipien und den Glauben an die Zukunft der Menschheit verbunden.« Seit fast fünf Jahrzehnten, also seit ihrer Gründung, würden die Emirate die »Werte der Liebe, Sicherheit, Toleranz, Religionsfreiheit und den Respekt vor anderen« hochhalten.

Mohammeds Selbstlobpreisungen wirken wie Hohn. Denn im Jemen sind die Emirate an der Militärintervention vor beinahe vier Jahren gemeinsam mit Saudi-Arabien beteiligt. Tausende Zivilisten sind bereits im Bombenhagel umgekommen. Große Teile der Bevölkerung hungern. Soldaten und Söldner aus den Emiraten marodieren durchs Land. Dass sie im Jemen Foltergefängnisse unterhalten, gilt als bewiesen.

Kritiker hielten die Reise des Papstes an den Golf deshalb von Anfang an für einen Fehler, weil er dem Emir und seinen Getreuen die Möglichkeit zu einer unverdienten Charmeoffensive gibt. Der weltweit beachtete Besuch des Pontifex bildete nämlich den Auftakt zum »Jahr der Toleranz«, das die Emirate für 2019 ausgerufen haben.

Vor diesem Hintergrund war es eher unwahrscheinlich, dass Franziskus die Regierung der Emirate kritisiert. Bei der Stippvisite ging es mehr darum, das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Katholizismus zu verbessern, als die Menschenrechtsverletzungen im Jemen anzuprangern oder das harte Vorgehen gegen Oppositionelle im eigenen Land.

Erwartungsgemäß versteckte sich Franziskus dann auch hinter Allgemeinplätzen. »Krieg kann nichts anderes als Elend schaffen, Waffen bringen nichts anderes als Tod«, sagte er zum Beispiel am Montag bei einem interreligiösen Treffen in Abu Dhabi, an dem Geistliche aller in den Emiraten anwesenden Religionen teilnahmen: Muslime, Christen, Juden, Hindus, Sikhs und kurdische Zoroastrier. »Gewalt im Namen der Religion ist nie zu rechtfertigen«, fügte er windelweich hinzu.

Zum Abschluss seiner Reise feierte der Papst mit 170.000 Gläubigen im Sajed-Stadion von Abu Dhabi eine Messe. Soweit bekannt, war es die größte Ansammlung von Christen auf der Arabischen Halbinsel seit der Entstehung des Islams, wie die »Tagesschau« am Dienstag im Internet meldete. Zwar gibt es in den Emiraten eine große Anzahl von Kirchen, aber die Behörden tolerieren christliche Gottesdienste in aller Öffentlichkeit eigentlich nicht. Unter den Besuchern der Messe sollen auch 4.000 Muslime gewesen sein, wie das Nachrichtenportal Vatican News berichtete. Nach der Messe eilte Franziskus zum Flughafen und flog zurück nach Rom. Zum Jemen kein Wort.

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