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Aus: Ausgabe vom 05.02.2019, Seite 3 / Ausland
Präsidentschafstwahl Ukraine

Zurück zu den Wurzeln

Ukrainischer »Rechter Sektor« gespalten. Neofaschistische Gruppen zwischen politischer Integration und Schlägertum
Von Reinhard Lauterbach
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Diplomatische Beziehungen zu Russland einstellen: Gefordert von ukrainischen Neofaschisten in Kiew (7.12.2018)

Beim »Euromaidan« vor inzwischen fünf Jahren erregte eine neue Gruppierung Aufsehen: der »Rechte Sektor«. Militant, fanatisch nationalistisch, bewaffnet. Die Truppe war schon in den ersten Tagen der Proteste auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew als Zusammenschluss mehrerer nationalistischer Wehrsportgruppen gegründet worden: »Weißer Hammer«, »Patriot der Ukraine« und wie sie alle hießen. Sie organisierte die paramilitärische Schulung der Demonstranten – und diese ließen sich das gefallen. Sie war in der zweiten Januarhälfte 2014 an der Plünderung von Polizei- und Armeekasernen im Westen der Ukraine beteiligt. Insofern war es nicht nur Großsprecherei, dass Dmitro Jarosch, Chef des Rechten Sektors, in einem am 4. Februar 2014 veröffentlichten Interview des US-Magazins Time dem Janukowitsch-Regime den »bewaffneten Kampf« ansagte. Seine Leute waren entschlossen, und sie hatten auch die Mittel dafür.

Fünf Jahre später macht Jarosch erneut mit mindestens sprachlicher Militanz auf sich aufmerksam. Der Maidan habe nur das erste seiner Ziele erreicht, den Sturz von Janukowitsch. Alles andere stehe noch aus. Wenn die Ukraine »kulturell, sprachlich oder wirtschaftlich« vor Russland kapituliere, dann werde er einen neuen Aufstand anzetteln, so Jarosch dieser Tage in Kiew. Und diesmal, so seine Drohung, werde sich niemand damit aufhalten, Reifen zu verbrennen. Inzwischen seien genug Waffen im Umlauf, um im Sinne der Nationalisten Nägel mit Köpfen zu machen.

Das mag sogar stimmen, aber Jarosch ist heute keine zentrale Figur des politischen Lebens in der Ukraine mehr. Sein Rechter Sektor hat sich mehrfach gespalten, Sponsoren sprangen ab, und Teile der einstigen Mitkämpfer haben sich ein Plätzchen im Inneren der Staatsmacht gesichert. Der Großteil der »einfachen« Mitglieder des Rechten Sektors ist heute wieder da, wo er 2014 herkam: im Milieu der Vorstadtschlägerbanden und Kleinkriminellen. Schon damals fiel auf, dass die regionalen Strukturen des Rechten Sektors von lokalen Unterweltgrößen kontrolliert wurden; heute verdingen sich die »Sektoristen« für ein paar Dutzend Dollar Tageshonorar als Randalierer bei feindlichen Unternehmensübernahmen. Und vor allem: Die heutige Staatsmacht braucht Figuren wie Jarosch und seine nicht immer kalkulierbare Anhängerschaft nicht mehr. Innenminister Arsen Awakow verkündete dieser Tage, es würden rund um die bevorstehenden Wahlen keinerlei »Maidans« geduldet. Man kann den Vorgang in groben Zügen mit der Entmachtung der SA in den Anfangsjahren des Naziregimes vergleichen. Auch damals gab es nicht wenige SAler, die sich um ihren Anteil an der Beute betrogen sahen oder sogar spürten, dass die »Verbonzung« des Regimes nicht das gewesen war, wofür sie sich auf den Straßen geprügelt hatten.

Ein Teil der einstigen Sturmtruppen des Maidan ist heute auch ganz offen integriert. Etwa das Bataillon »Asow« von Andrij Bilezkij, das inzwischen eine Jugendorganisation namens »Nationale Gefolgschaft« unterhält und sich im Auftrag des Innenministeriums der Säuberung des Stadtbilds von »Pennern und Separatisten« widmet. Die mit Pogromen gegen Roma und Morden an »Prorussen« hervorgetretene Gruppe »C14« gilt als militanter Arm des Geheimdienstes SBU. Und es gibt noch viele weitere solcher Gruppierungen.

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