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Aus: Ausgabe vom 02.02.2019, Seite 15 / Geschichte
Alle Macht den Räten

Sonderfall Bremen

Vor 100 Jahren wurde die Räterepublik in der Stadt an der Weser von Regierungstruppen niedergeschlagen
Von Leo Schwarz
Ausrufung der Bremer Räterepublik am 15. November 1918 vom Balko
Angehörige des Bremer Arbeiterrates verkünden die Absetzung des Senats vom Balkon des Rathauses (15. November 1918)

Ein Sonderfall der Revolution von 1918/19 ist Bremen. Hier stand die Mehrzahl der Mitglieder der sozialdemokratischen Parteiorganisation schon vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Boden der linken Opposition; seit 1916/17 war die bremische Arbeiterbewegung in drei etwa gleich große Lager gespalten: Neben den rechten Sozialdemokraten und den Unabhängigen existierte eine starke, sich scharf abgrenzende linksradikale bzw. kommunistische Strömung, die hier insbesondere unter den Werftarbeitern der AG Weser eine Massenbasis besaß und die lokale Entwicklung stärker zu beeinflussen vermochte als in jeder anderen Großstadt.

Als am 6. Januar 1919 der Arbeiterrat, der am 14. November 1918 den bürgerlichen Senat abgesetzt und die Bürgerschaft aufgelöst hatte, neu gewählt wurde, gewann die SPD 113, die USPD 64 und die KPD 62 Mandate. Die SPD war jedoch viel schwächer, als dieses Ergebnis anzeigt: Die USPD hatte durchgesetzt, dass nur Mitglieder der Arbeiterparteien an der Wahl teilnehmen durften, was vor allem den rechten Sozialdemokraten, zu denen sich in den Wochen zuvor massenhaft Beamte, Angestellte, kleine Geschäftsleute und sogar Fabrikdirektoren gesellt hatten, zugute kam.

Proletarische Volksregierung

Das zeigte sich wenig später. Unter dem Eindruck des Berliner Januaraufstandes verlangte am 10. Januar eine große, von den Kommunisten organisierte Demonstration vor dem Rathaus mit Erfolg, die rechten Sozialdemokraten aus dem Arbeiterrat auszuschließen und einen Rat der Volkskommissare, also eine wirkliche Räteregierung, einzusetzen. Johann Knief, die überragende Gestalt der Bremer Kommunisten, hatte sich gegen ein verfrühtes und isoliertes Vorgehen in dieser Frage ausgesprochen, war aber seit Anfang Januar an das Krankenbett gefesselt. Als der Arbeiterrat die neun Volkskommissare bestimmte, wurde auch er in Abwesenheit als einer der drei KPD-Vertreter gewählt. Der Rat erklärte Bremen zur selbständigen sozialistischen Republik und verkündete in einem Telegramm an »alle Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands«: »Das Bremer Proletariat hat sein Geschick in die Hand einer eigenen proletarischen Volksregierung gelegt.«

Unmittelbar nach dieser markigen Deklaration begann allerdings eine merkwürdige, nur mit Unsicherheit und Schwäche zu erklärende Schlinger- und Kompromisspolitik. So lehnte es der Arbeiterrat mit knapper Mehrheit ab, die am 19. Januar anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung in Bremen zu unterbinden (was die Mehrheit der Volkskommissare beschlossen hatte). Der zunächst verhängte Belagerungszustand wurde wieder aufgehoben; die bürgerliche Presse konnte weiter erscheinen – nach wenigen Tagen auch wieder ohne Vorzensur. Die Banken verhängten eine Kreditsperre gegen die Räteregierung, gegenüber der diese sich hilflos zeigte. Und am 21. Januar beschloss der Arbeiterrat, im März Wahlen für ein bremisches Landesparlament abzuhalten.

Das aber war der Reichsregierung, der es um die Löschung des »radikalen Brandherdes« Bremen ging, alles ziemlich egal. Sie ließ verbreiten, die »Spartakisten« würden in der Stadt an der Weser das Auslaufen von Schiffen verhindern, die für den Transport amerikanischer Lebensmittel vorgesehen seien. Gustav Noske setzte am 28. Januar ein 3.500 Mann starkes Freikorps, die sogenannte Freiwilligen-Division Gerstenberg, gegen die Stadt in Marsch. Am 30. Januar erreichte die Nachricht vom Anmarsch der Regierungstruppen Bremen.

Unter anderem im Rathaus wurden Waffen an Arbeiter ausgegeben; ein »Oberkommando Bremen« bildete sich, um die Verteidigungsmaßnahmen zu koordinieren. Vor allem Funktionäre der USPD plädierten nun nachdrücklich für Verhandlungen. Es gehe, hieß es in deren Blatt, der Bremer Bürger-Zeitung, nur noch um die Alternative »Blutbad oder Verständigung«. Die Volkskommissare sollten zurücktreten, eine Entwaffnung sollte zugesagt werden. Dazu sollten Truppen, die das Vertrauen des Soldatenrates des IX. Armeekorps genossen, in Bremen einrücken. Noske bestand am 3. Februar aber darauf, dass die Entwaffnung der Bremer Arbeiter von der Division Gerstenberg durchgeführt werden müsse. Unmittelbar danach befahl er, die in Verden geführten Verhandlungen abzubrechen und Bremen zu besetzen.

Noskes Offensive

Am 4. Februar um neun Uhr begann der Angriff auf die Stadt. Artillerie und Granatwerfer beschossen das Zentrum. In der Luft kreisten Flugzeuge. Die heftigsten Kämpfe fanden an den Bahnhöfen und an den Weserbrücken statt. Gegen 22 Uhr stellten die etwa 600 bewaffneten Arbeiter auf Weisung des Oberkommandos den aussichtslosen Kampf ein und zogen sich auf das Gelände der AG Weser zurück. Am Abend besetzten die »Gerstenberger«, unterstützt von einer eilig aufgestellten Freiwilligenabteilung aus den Reihen des Bremer Bürgertums, das Rathaus; hier hissten sie eine schwarz-weiß-rote Fahne und setzten eine aus fünf dienstbereiten rechten Sozialdemokraten bestehende Regierung ein. Die verhängte sofort den Belagerungszustand über die Stadt. Bei den Kämpfen waren 26 Soldaten der Regierungstruppen ums Leben gekommen. Die Zahl der getöteten Anhänger der Räterepublik wurde nie genau ermittelt; die um »Beruhigung« bemühte bürgerliche und ­sozialdemokratische Presse sprach unmittelbar nach den Ereignissen von bis zu 30 Toten. Viele Verwundete waren zunächst unbehandelt geblieben, da die Mehrzahl der Bremer Ärzte gegen die Räterepublik »streikte«.

Nach dem 5. Februar beseitigte die Division Gerstenberg auch in Bremerhaven, Geestemünde und Cuxhaven die Arbeiter- und Soldatenräte. Die sich hierbei deutlich abzeichnende Praxis der systematischen Entwaffnung der Arbeiter und der gewaltsamen Beseitigung der Räte stieß auch in der SPD nicht nur auf Zustimmung. Hinter dem Gewaltkurs standen vor allem die mittleren und höheren Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre. Sie stellten das Gros der sozialdemokratischen Fraktion in der Nationalversammlung, die am 5. Februar das Vorgehen Noskes ausdrücklich billigte. Das Hamburger Echo, eine der wichtigsten rechtssozialdemokratischen Zeitungen, warnte dagegen am 8. Februar 1919: »Das Bremer Ereignis ist für uns Sozialisten schwer zu tragen. Wir werden die Sorge um die Konsequenzen nicht los. Noch einige solcher Siege wie in Berlin und Bremen, und das Offizierskorps und die bürgerlich-aristokratische Reaktion hat das, was sie braucht: ein mit neuem Selbst- und Kraftbewusstsein ausgerüstetes Instrument.« Ganz sicher war sich die Gegenrevolution ihrer Position in Bremen im Februar 1919 indes noch nicht: Die »untere Bevölkerung« sei »noch sehr verhetzt«, hieß es in einem Lagebericht an das Reichsamt des Innern. Im April erzwang ein Generalstreik der Bremer Arbeiter die Freilassung vieler nach der Niederschlagung der Räterepu­blik inhaftierter Revolutionäre.

Sepp Miller, Mitglied des Arbeiterrats der AG Weser, über die versuchte militärische Besetzung der Werft am 5. Februar 1919:

»Erst am nächsten Tag (…) rückte eine Kolonne Gerstenberger bedächtig in Richtung Gröpelingen vor und besetzte die Werft. Auf dem Werfthof wurden Geschütze und Kriegsmaterial aufgefahren und Soldaten postiert. (…) Wir hatten die Losung ausgegeben, dass sich die Werftarbeiter am 5. Februar wie immer zur Arbeit einfinden sollten. Es war erstaunlich, wie schnell sich diese Anweisung herumsprach. Der größte Teil der Werftarbeiter erschien zur Arbeit. (…) Nach der Besetzung riefen wir den noch im Amt befindlichen Direktor Dr. Tetens an und fragten, was das Militär auf dem Werfthof zu bedeuten habe. Die Antwort lautete: ›Der Arbeiterrat der Werft ist abgesetzt!‹ Auf diese provokatorische Antwort reagierten wir mit der sofortigen Stilllegung des Betriebes. Innerhalb von 20 Minuten lief keine Maschine mehr. (…) Nach etwa einer halben Stunde erklärte uns Dr. Tetens per Telefon, dass der Arbeiterrat wieder eingesetzt sei. (…) Wir wussten, entweder ziehen sie das Militär ab, oder sie bleiben und verhaften uns. Das letztere riskierten sie nicht, weil sie genau wussten, dass die Werft dann weiterhin stillgelegt würde, bis wir wieder frei wären. Sie zogen deshalb sofort ab.«

Vorwärts und nicht vergessen. Erlebnisberichte aktiver Teilnehmer der Novemberrevolution 1918/1919, hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1958, S. 207 f.

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