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Aus: Ausgabe vom 02.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Elitenkunde

Klassenfragen

Die diskrete Dummheit der Bourgeoisie. Eine Erinnerung
Von Pierre Deason-Tomory
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Die Schüler hätten die Arbeiter schlicht ignoriert, diese mussten deshalb mit dem Zement auf dem Buckel im Slalom um die Gymnasiasten herumlaufen.

Als vor bald drei Jahren die Besprechungen von Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« die liberalen Feuilletons erreicht hatten, habe ich in der Zeit einen Leserbrief gelesen. Darin schilderte der Briefeschreiber die Szene auf dem Schulhof einer deutschen Hauptschule. Bauarbeiter kamen und trugen Zementsäcke über den Hof, die Schüler machten ihnen den Weg frei. Dann beschreibt er ein ähnliches Zusammentreffen von Schülern und Säcke schleppenden Arbeitern, dieses Mal auf dem Gelände eines Gymnasiums: Die Schüler hätten die Arbeiter schlicht ignoriert, diese mussten deshalb mit dem Zement auf dem Buckel im Slalom um die Gymnasiasten herumlaufen.

Eine Klassenfrage. Ich habe mich wegen dieser Geschichte an meine Schulzeit in Bayern erinnert. Ein halbes Jahr Gymnasium, ein halbes Jahr Hauptschule wegen Unreife, dann noch ein paar Jahre Gymnasium bis zum Exitus praecox. Der Unterschied zwischen der einen und der anderen Schulform war deutlich. Auf der Hauptschule waren alle in der Klasse katholisch, außer mir, auf dem Gymnasium nur fast alle. Auf der Hauptschule sprachen die Kinder ursprüngliches Westmittelbairisch, auf dem Gymnasium eine Annäherung an Deutsch. Die Hauptschüler wohnten alle in der kleinen Stadt oder in den umliegenden Dörfern, die Gymnasiasten kamen aus dem ganzen Landkreis, mit dem Bus, von den Eltern mit dem Auto angeliefert oder, im Sommer, mit dem Fahrrad.

Die Gymnasiasten waren, anders als die Hauptschüler, keine Arbeiter- oder Bauernkinder, sondern zumeist Akademikernachwuchs, logisch. Meine Deutschlehrerin, gescheiterte Schauspielerin und sehr deprimiert, fauchte uns gerne ein »Ihr seid Elite!« ins Elitegesicht. Vor allem wenn wir nicht funktioniert haben, so wie ich, als ich den »Zauberlehrling« nur heruntergeleiert hatte, anstatt ihn vorzutragen. »Elite!« und: Zack! Strafarbeit!

Ein weiterer Unterschied: In Bayern hattest du damals in der Hauptschule Unterricht in Werken – als Bub, die Mädchen hatten Handarbeiten –, im Gymnasium nicht. Und: Die Gymnasiasten waren unfassbar dumm. Davon handelt die bedeutungslose Geschichte, die ich jetzt erzählen möchte.

Es war an einem wundervollen, südostbayerischen Frühsommertag 1982. Ich hatte eine Schulstunde früher frei als meine Klassenkameraden, weil die in den katholischen Religionsunterricht mussten und ich als Falschgläubiger nicht. Ich war auf Schabernack aus und ging noch nicht nach Hause, sondern in den Fahrradkeller. Ein Freund von mir, der im Asozialenhaus am Flussufer wohnte, hatte mir gezeigt, wie man diese lumpigen, kleinen Nummernfahrradschlösser nach Gehör knackt. Kinderspiel, dauert keine Minute. Ich löste also bei zwei oder drei Dutzend Rädern das Schloss und arretierte damit jeweils ein anderes Bike. Dann ging ich nach oben, setzte mich auf eine niedrige Betonmauer am Schulportal und wartete.

Es klingelte zum Ende der sechsten Stunde, die Schüler strömten schubweise aus den Klassenzimmern über den Hof. Dann passierte erst mal nichts. Zehn Minuten später kamen die ersten Autos.

Es wurden viele Autos, die in der kleinen Straße vor dem Rottmayr-Gymnasium vorfuhren. Genervte Elternteile trugen die verschlossenen Räder aus dem Keller zu ihren Pkw, schnallten umständlich die Räder auf den Dachgepäckträger und schnauzten dabei ihre Kinder an. Dann kamen noch mehr Autos, und die zuerst Gekommenen kamen nicht mehr aus der Straße heraus. Hupen, Blöken, die Eltern der Elite verloren standesgemäß die Fassung. Ich saß auf meiner Mauer und war entzückt.

Nicht einer der Gymnasiasten ist auf die Idee gekommen, einfach zum Hausmeister zu gehen und eine Zange zu holen. Keiner.

Heute wünschte ich mir, der Hausmeister hätte damals neben mir gesessen und sich mit mir gefreut und mir zum Dank für das Schauspiel ein Zweimarkstück in die Hand gedrückt. Aber so war das nicht. Der Hausmeister war ein Arsch, immer nur nett zu den Lehrern, und hat uns verjagt, wenn wir nach Schulschluss auf dem Rasenstück hinter der Turnhalle Fußball gespielt haben. Vielleicht ist auch das nur eine Klassenfrage.

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