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Aus: Ausgabe vom 02.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Jedes Ortsschild schreit »Bankrott«

In Clint Eastwoods »The Mule« erfindet sich ein knapp 90jähriger Blumenzüchter als Drogenhändler neu
Von Peer Schmitt
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Auf dem Weg in die Bar: Clint Eastwood

Ein Blumenbeet aus der Froschperspektive, Lilien im Tal. Es ist dieser demütige Blick aufs Blumenbeet, der »The Mule«, den nunmehr 37. Spielfilm von Clint Eastwood als Regisseur, eröffnet. Und der ihn, soviel darf verraten werden, auch beschließt.

Es führt kein Weg daran vorbei. Irgendwann ist es für jeden an der Zeit, sich die Blumen von unten anzuschauen. Bis es soweit ist, kann man aber selbst als Greis noch ein wenig die Puppen tanzen lassen. Das geschieht dann in »The Mule«, einem Film über einen auf die 90 zugehenden Blumenzüchter, der sich auf seine sehr alten Tage als recht erfolgreicher Drogenkurier (engl. ­»mule« – wörtl. »Maulesel«) für ein mexikanisches Drogenkartell neu erfindet. Bevor er letztlich doch geschnappt wird.

Unglaublicherweise beruht sogar diese abstruse Geschichte auf Tatsachen. Vorlage für das Drehbuch war der Artikel »The Sinaloa Cartel’s 90-Year-Old Drug Mule« von Sam Dolnick im New York Times Magazine, Juni 2014 (https://kurzlink.de/the_mule).

Das Leben ist anscheinend immer noch romanesk. Lilien im Tal. Eastwood, Jahrgang 1930, geht ebenfalls stramm auf die 90 zu. In »The Mule« spielt er die Haupt- und Titelrolle abermals selbst, was er in seinen eigenen Filmen seit »Gran Torino« von 2008 nicht mehr getan hat. Seitdem hatte er lediglich 2012 einen Gastauftritt in dem Baseball-Rentner-Drama »Trouble with a Curve« (Back in the Game).

Die Rolle des kriminellen Blumenzüchters Earl Stone (das reale Vorbild aus dem genannten Artikel heißt Leo Sharp) ist dem über seinen Schatten springenden Automobilfabrikarbeiter im Ruhestand aus »Gran Torino« denkbar ähnlich. Es handelt sich um knochige, maulfaule Männer der weißen unteren Mittelklasse – Clint Eastwoods eigene soziale Herkunft lässt grüßen – mit ihren klassischen Ressentiments und Passionen, die inzwischen aus der Zeit gefallen zu sein scheinen.

Gewissermaßen spielt Eastwood zum ersten Mal tatsächlich einen Greis – eingefallen, vornübergebeugt, mit physisch fragiler, nichtsdestotrotz ostentativ munterer Virilität: Wenn der alte Earl für das Kartell auf Tour geht, bestellt er sich gleich zwei Huren aufs Motelzimmer und beschäftigt sie die gesamte Nachtschicht über.

Der Film beginnt mit einem kurzen Prolog im Jahr 2005. Der Laden des alten Earl brummt noch. Als Blumenzüchter ist er hochspezialisiert, er züchtet preisgekrönte Taglilien. Ein Star unter Spezialisten und Kleinunternehmern. Mit den mexikanischen Transportarbeitern und Erntehelfern reißt er Witze über deren möglicherweise nicht ganz legalen Aufenthaltsstatus. Ja, der alte Earl ist zweifellos ein bisschen bigott – und Sexist, Ehrensache –, doch im Grunde kommt er mit allen gut klar und hat wenig Grund zur Beschwerde.

Kaum räumt er für seine Lilienkreationen mal wieder einen Preis ab, hält er eine denkbar lakonische Preisrede in Form eines lahmen Witzes: »Wieso läuft der alte Zausel durch die Hotellobby? Er ist auf dem Weg an die Bar. So wie jetzt ich.« Eine echte Clint-Eastwood-Preisrede. So überliefert Eastwoods Biograph Richard Schickel (»Clint Eastwood«, 1996) einen Dialog mit dem Publikum anlässlich des Meisters Ehrung in der Pariser Cinémathèque im Jahre 1985. »Haben Sie sich selbst nicht einmal als Penner und Herumtreiber bezeichnet?« wird er gefragt. »Nein, niemals.« »Was sind Sie denn dann?« »Ein Penner und Herumtreiber (A bum and a drifter).«

So sind sie irgendwie aus demselben Holz geschnitzt, der alte Clint und der alte Earl. Meister mit recht unwahrscheinlichen Voraussetzungen zur Meisterschaft. Maulfaul, aber mit Mutterwitz, darüber hinaus eitel bis zum Anschlag. Denn die wahre Pointe der Preisverleihungsszene ist gar nicht die virile Lässigkeit des Preisträgers, sondern die Tatsache, dass er für das Besäufnis nach dem Festbankett die gleichzeitig stattfindende Hochzeit der eigenen Tochter sausen lässt und damit die endgültige Entfremdung seiner ohnehin getrennt von ihm lebenden Familie provoziert. Was ihm, einem hedonistischen Egomanen, selbstverständlich völlig schnuppe ist. Zunächst.

Zehn Jahre später ist die Blumenzucht pleite. Das Internet soll schuld sein. Leo Sharp, das reale Vorbild, berichtet, dass sein Blumengeschäft von der Beliebtheit seines von ihm selbst gestalteten Katalogs abhing. Die Ersetzung der Warenkataloge durch digitale Äquivalente und der Niedergang des Einzelhandels sind bekanntlich Tatsachen, im Film jedoch eher ein hastig erzählter Witz. Der alte Zausel ist eben »alte Schule«.

Auf der Verlobungsparty seiner Enkelin kommt er dann auf Umwegen mit dem Kartell in Kontakt. Er fährt in seinem Pick-up Kokain von immer größerem Wert quer durchs Land, von seiner Heimatkleinstadt in Illinois (für das reale Vorbild war es der Großraum Detroit) bis nach New Mexico. Er macht das mit hübscher Regelmäßigkeit und der unauffälligsten Selbstverständlichkeit. Dass das Kartell mit Drogen handelt und nicht mit Blumen, dass es sehr wenig Spaß versteht und blutige Umgangsformen pflegt, scheint ihm ebenfalls völlig schnuppe.

Die mexikanischen Gangster mit ihren Waffen, Tätowierungen und ihren schauwertstark ins Bild gesetzten Huren sind dabei mindestens so comichaft wie die in »Breaking Bad«. Sensibilität in puncto »Race« und »Gender« kann man weder vom alten Clint noch vom alten Earl erwarten. Erwartungsgemäß machen sie sich über solcherart neumodische Sensibilitäten eher lustig.

Der gute alte Earl – ein reaktionärer Knochen, der das Herz irgendwie auf dem rechten Fleck trägt und gerade noch die Kurve kriegt zum wahren Leben, zum Familienleben und zur Nachbarschaft, während um ihn herum das Land vor die Hunde zu gehen scheint. Jedes Ortsschild schreit »Bankrott«. Das Drogengeld benutzt er zunächst, um seinen eignen Laden vor der Bank zu retten und später noch ein paar Läden in der Nachbarschaft. Er bezahlt das Studium der Enkelin und schafft es sogar, seine lebenslange Selbstsucht zu überwinden – in dem Moment, als seine von ihm geschiedene Ehefrau im Sterben liegt.

Zum ersten Mal denkt er da nicht nur an seinen eigenen Scheiß. Das Tagwerk ist getan. Der Rest ist Sache der Justiz.

Ein selbstverliebter und eigenartig ambivalenter Film des wohl weiterhin wichtigsten lebenden US-amerikanischen Regisseurs alter Schule: charmant lässig bis erschreckend schlampig, gerissen höhnisch – und stellenweise saudämlich.

»The Mule«, Regie: Clint Eastwood, USA 2018, 116 Min., bereits angelaufen

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