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Aus: Ausgabe vom 31.01.2019, Seite 15 / Medien
Opiumlieferanten

Operation Wahrheit

Gezielte Fake News: Jounalistenkonferenz in Havanna diskutierte »Herausforderungen durch Globalisierung und neue Technologien«
Von Volker Hermsdorf
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Falscher Fünfziger im Rampenlicht: Selbsterklärter Präsident Venezuelas Juan Guaidó (Caracas, 26.1.2019)

Opium der Völker, nennt Rafael Correa das, was die den Herrschenden verbundenen Medien verbreiten. Ecuadors früherer Staatspräsident ist überzeugt, dass »die brutale Restauration rechter Regime in Lateinamerika (…) ohne Unterstützung, Manipulationen und Kampagnen mächtiger Medienunternehmen nicht möglich gewesen« wäre, wie er in einer Grußbotschaft an einen Journalistenkongress in Havanna schrieb. Die Konzentration der Informationsmonopole mache Rechtsstaaten zu Ländern, in denen nicht die Bevölkerung, sondern Meinungskonzerne die Inhalte der öffentlichen Debatten bestimmten. Ihre Macht sei eine »Diktatur ohne Gegenmacht und Kontrolle«, geschützt durch »eine missverstandene Pressefreiheit, die eigentlich permanente Manipulation, Desinformation und das wichtigste Instrument zur Aufrechterhaltung der hegemonialen Kultur und des Status quo ist«. Die bürgerliche Presse sei die »Triebkraft reaktionärer Veränderungen«.

Correas Worte wurden von den Teilnehmern des internationalen Journalistenforums über die »Herausforderungen durch Globalisierung und neue Technologien« (21. und 22. Januar) mit lebhaftem Interesse aufgenommen. Die kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina hatte aus Anlass des 60. Jahrestages der seinerzeit von Fidel Castro und Ernesto Guevara initiierten »Operation Wahrheit« (Operación Verdad) dazu eingeladen. Auch damals galt es, Falschmeldungen zu entlarven und ihnen Fakten entgegenzusetzen, was die ersten Maßnahmen der revolutionären Regierung Kubas betraf. Deshalb hatten Castro und Genossen am 22. Januar 1959, drei Wochen nach dem Sieg der Rebellenarmee, rund 400 ausländische Journalisten und Diplomaten zur damals »größten Pressekonferenz der Welt« nach Havanna eingeladen.

Als Teil der Konzeption für den Aufbau einer unabhängigen Gegenöffentlichkeit gründete der Argentinier Jorge Ricardo Masetti mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez und anderen Journalisten fünf Monate später Prensa Latina. »Doch auch 60 Jahre später wird die Strategie gegen linke Regierungen beibehalten. Nicht mit Stiefeln und Gewehren, sondern mit Schlagzeilen und Gerichtsurteilen«, kommentierte Correa. »Heute sind die Kommunikationsmedien weitaus mächtiger, ihre Ressourcen sind gewaltiger, aber ihre Ziele sind dieselben: Die Zerstörung der Revolution«, stellte die kubanische Tageszeitung Granma anlässlich der Eröffnung des Forums fest.

Als aktuelle Beispiele für die Vorbereitung von Staatsstreichen und Interventionen durch Medien nannte der kolumbianische Journalist Jorge Enrique Botero die systematische Verbreitung von Lügen gegenüber Venezuela, Nicaragua und Bolivien. Der brasilianische Analytiker Beto Almeida ergänzte, dass der zum Präsidenten seines Landes aufgestiegene Jair Bolsonaro eine von konservativen Medien und religiösen Fanatikern mit Unterstützung der USA geschaffene Frankenstein-Kreatur sei.

Die wichtigste Herausforderung für den lateinamerikanischen Journalismus, so Almeida in seinem Beitrag, sei deshalb der Aufbau von Informationsstrukturen, »die nicht der diktatorischen Kontrolle des Marktes unterliegen«. Es gebe »eine völlige Unvereinbarkeit der Art, wie Marktjournalismus und Journalismus für die Gemeinschaft betrieben wird, da ersterer der Wirtschaftsmacht unterliegt, während letzterer sich auf die Interessen des Volkes konzentriert«.

Die kubanische Journalistin Rosa Miriam Elizalde wies darauf hin, dass die großen Medien heute die Agenda vorgeben, während andere sich dann um deren persönliche und emotionale digitale Verankerung kümmern. In der Cyber-Ära bilde sich die öffentliche Wahrnehmung sowohl aus der veröffentlichten als auch aus der geteilten Meinung. Und im Netz seien Lügen deutlich stärker verbreitet als die Wahrheit, sagte sie. »Untersuchungen hätten gezeigt, dass eine ungenaue oder falsche Information zu 70 Prozent mehr ›retweetet‹ wird als jede spätere Korrektur«, erklärte Elizalde.

Mit dem »Informationskrieg in der Ära der Fake News« beschäftigte sich auch der französisch-spanische Journalist und Schriftsteller Ignacio Ramonet. Falsche Nachrichten nähmen zu, würden allerdings nicht nur von Journalisten, sondern in erster Linie von Regierungen und deren Geheimdiensten in Umlauf gebracht, erklärte Ramonet. Es bestehe ein ausgeprägtes Interesse, die Wahrnehmung von Ereignissen zu verzerren, die die Öffentlichkeit nicht beurteilen und angesichts der Fülle von Falschinformationen auch nicht objektiv bewerten kann. Dies führe zu einer schweren Krise der Glaubwürdigkeit, die eine große Unsicherheit in der Öffentlichkeit hervorrufe, sagte er.

In Spanien beispielsweise würden lediglich 31 Prozent der Bürger noch auf das vertrauen, was in den Medien berichtet wird. Dies sei mittlerweile ein globales Phänomen. Der Fall des Spiegel-Redakteurs Claas Relotius, dessen zum Teil erfundene Geschichten nicht nur verbreitet, sondern auch noch prämiert wurden, habe den Ruf deutscher »Qualitätsmedien« nachhaltig erschüttert.

Trotzdem erzielten Fake News oft die erwünschte Wirkung, so Ramonet weiter. Die von Donald Trumps Sicherheitsberater John Bolton als »Troika des Bösen« bezeichneten Länder Nicaragua, Venezuela und Kuba stünden einer Medienmaschinerie gegenüber, die über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich Kommunikation verfügt. Ihren Auftrag hatte der ehemalige US-Präsident George W. Bush – in Anlehnung an Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels – mit den Worten beschrieben: »Man muss die Dinge immer wieder wiederholen, in einer Art Katapult der Propaganda.«

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