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Aus: Ausgabe vom 30.01.2019, Seite 8 / Ansichten

Partygast des Tages: Richard Grenell

Von Michael Merz
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Faible für »konservative Führer«: Richard Grenell

Montag abend, Berlin-Prenzlauer Berg. Die Bundestagsfraktion von Die Linke hat zum Neujahrsempfang im zum schicken Hotel ausgebauten Stadtbad Oderberger Straße geladen. Andrej Hermlin kämpft tapfer gegen die Akustik, Täve Schur beißt herzhaft in einen Apfel, Abgeordnete und Geladene schwofen, sticheln, frotzeln. Ein Familientreffen, auch wenn sich in dieser Sippe nicht alle schrecklich lieb haben. Und wer stand mit dem strahlendsten Perlweißgrinsen, das die Linkspartei je gesehen hat, mit in der Runde? Richard Grenell. Beim Berliner Politestablishment ist der Statthalter Trumps nicht mehr so wohlgelitten wie seine Vorgänger. Da zieht es ihn halt zur kleinen Oppositionspartei. Brav steht er für Selfies bereit, seine Mundwinkel scheinen festgetackert.

Grenell? War da was? Ja. Wenn er nicht gerade die Bundeswehr zu Militärschlägen auffordert, deutschen Firmen, die Geschäfte im Iran machen, mit dem Liebesentzug der geballten US-Wirtschaftsmacht droht oder gegen die »Nord Stream 2«-Pipeline agitiert, jettet er nach hause und gibt seinem Haussender Fox News Interviews darüber, wie übel alles hierzulande ist. Gott sei’s gedankt, so soll's nicht bleiben. Denn der Mann hat eine Mission. Und um diese zu vollenden, nutzt er nicht zuletzt das kryptofaschistische Webportal Breitbart. »Ich möchte andere Konservative, andere konservative Führer definitiv stärken«, sagte er dort im Juni 2018. Und er wolle damit die »gescheiterte linke Politik« überwinden. Wie gut, dass es Sahra Wagenknecht gibt, die sich daraufhin in der Welt positionierte: »Wer wie US-Botschafter Richard Grenell meint, nach Gutsherrenart bestimmen zu können, wer in Europa regiert, der kann nicht länger als Diplomat in Deutschland bleiben.« Nein, der wird Stargast der Linksfraktion. Schmerzfrei twittert Grenell stante pede am selben Abend: »Thanks to @dieLinke for the invitation and the GREAT music.«

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