Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Februar 2019, Nr. 40
Die junge Welt wird von 2161 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 30.01.2019, Seite 8 / Ansichten

Elektroschrottplatz Schule

»Digitalpakt« im Vermittlungsausschuss
Von Ralf Wurzbacher
In Holland bemängelt die Schulaufsicht die Unterrichtsqualität a
In den Niederlanden bemängelt die Schulaufsicht die Unterrichtsqualität an »Steve-Jobs-Schulen«. Was passiert in Deutschland? (Steve-Jobs-Schule)

Der »Digitalpakt« wird kommen, jede Wette! Der vor Wochen durch die Länder angezettelte Streit dreht sich nicht um die Frage, ob Deutschlands Schulen flächendeckend mit IT-Technik vollgemüllt werden, schon gar nicht, ob das Sinn ergibt. Gefeilscht wird bloß noch darum, wie viel mehr die Landesfürsten als Gegenleistung für die Fünf-Milliarden-Euro-Verlockung des Bundes von ihrer Bildungshoheit preisgeben. Ab dem heutigen Mittwoch tagt der Vermittlungsausschuss und wird dem Knatsch ein Ende setzen. Das erste Geld werde noch in diesem Jahr fließen, wusste Bildungsministerin Anja Karliczek schon vor zwei Wochen. Dann kann’s ja bald losgehen mit der Digi-School 4.0.

»Digitale Bildung« ist ein Konzept der IT-Industrie, ausgebrütet vom Branchenverband Bitkom, von Microsoft, VW, SAP bis zur Telekom. Nicht gefragt wurden Kinderärzte, Pädagogen, Lernpsychologen, Neurowissenschaftler. Sie raten in großer Mehrheit davon ab, Smartphones und Tablets zum Lehr- und Lernwerkzeug zu machen. Mehr noch warnen sie eindringlich vor dem – auch privaten – Gebrauch von Bildschirmmedien im Kindes- und Jugendalter, weil dies vielfältige und irreversible Entwicklungs- und Verhaltensstörungen provoziere. So empfiehlt etwa die Hirnforscherin Gertraud Teuchert-Noodt eine digitalfreie Kindheit bis zum 16. Lebensjahr.

Keiner will so etwas hören in der Filterblase der Verblendeten. Für viele und immer mehr ist Digitalisierung Selbstzweck, Selbstläufer, Glaubensbekenntnis. Aber alle mal aufpassen: Die Silicon-Valley-Avantgarde schickt ihre Sprösslinge auf Waldorf- und Montessori-Schulen, dahin, wo kein blinkendes Display ihr natürliches Heranwachsen durchkreuzt. Google, Amazon und Facebook wissen, was sie anrichten, aber sie machen weiter, solange der Profit stimmt.

Es ist bitter zu sehen, wie selbst die Linkspartei auf der Technowelle mitsurft und ernstlich nach einem »Rechtsanspruch auf eine Gigabitleitung« verlangt, statt das analoge Klassenzimmer zu verteidigen. Und die Kritik der Gewerkschaften erschöpft sich darin, pädagogische Konzepte zu vermissen, ohne zu begreifen, dass »Lernsoftware« ein Widerspruch in sich ist. Es gibt bis heute keine Langzeitstudie, die die Eignung digitaler Medien im Unterricht belegen würde, dafür etliche andere, die genau das widerlegen. Dazu kommt der Befund, dass Schullaptops nach kurzer Zeit den Geist aufgeben – so wie der Nachwuchs. Helfen könnte ein Blick über den Gartenzaun: In den Niederlanden sind die anfangs hochgelobten »Steve-Jobs-Schulen« binnen fünf Jahren krachend gescheitert. Weil dort scharenweise lernrückständige Kinder produziert wurden, sind sie jetzt ein Fall für die Schul­inspektion.

Debatte

  • Beitrag von Christian A. aus S. (30. Januar 2019 um 22:11 Uhr)
    Junge Leute ohne Lehrstelle, sanierungsbedürftige Schulbauten, Lehrermangel, prekär beschäftigte Lehrkräfte mit Kettenbefristungen, überfüllte Hörsäle an den Hochschulen – es gibt unzählige Mängel im Bildungsbereich, die teilweise schon seit Jahrzehnten bestehen. Trotzdem passiert nichts Entscheidendes! Das Bildungssystem ist vor allem chronisch unterfinanziert. Das Geld für die Tablets wird also an anderer Stelle dringend gebraucht.

    McKinsey hat allein in Deutschland für die nächsten Jahre wegen des zu erwartenden Produktivitätsschubs einen Verlust von bis zu 18 Millionen Jobs prognostiziert. Abgesehen von den ungeheuren Konsequenzen für unsere Sozialversicherungsysteme und für die Gesellschaft im allgemeinen muss die Frage gestellt werden, ob es von den Herrschenden überhaupt noch gewünscht ist, dass künftige Generationen eine breite Schulbildung erhalten.

    Das humanistische Ideal der zweckfreien Bildung ist schon lange entsorgt worden. Ich erinnere hier nur an die Parole von der »Entrümpelung der Lehrpläne«.

    Viel besser als Bildung für alle wäre es doch für den Kapitalismus, wenn man das Bildungssystem allmählich auslaufen lässt (»Cashout« im Marketing-Neusprech) und jungen Menschen nur noch zeigt, wie sie ein Handy oder Tablet zum Daddeln bedienen müssen.

    Das wäre praktisch, denn Leute, die ihre Zeit mit Spielen oder Facebook & Co verschwenden, sind ungefährlich für das kapitalistische  System, das immer weniger Menschen braucht, um seine Produkte herzustellen. Diese Leute stellen vor ihren Tablets keine lästigen Grundsatzfragen und müssen nur noch einfache Sätze für die Bedienung lesen können. Eine Revolution wird es mit ihnen höchstens noch in einem Adventure-Spiel geben.

    Die wenigsten Lehrer besitzen heute fundierte IT-Kenntnisse. Was damit an Schulen bestenfalls gelehrt werden kann, sind Produktkenntnisse für heutige und künftige Massenprodukte. Eventuell helfen dabei aber auch gerne Firmen wie Microsoft oder Google aus – natürlich ohne weitergehende Absichten.

    Hirnforscher wie Manfred Spitzer, die vor den Folgen der regelmäßigen Gerätenutzung bei Kindern und Jugendlichen warnen, werden nicht grundlos angefeindet und verunglimpft, denn sie stellen eine reale Gefahr für die neue Welt eingehegter, digitaler Junkies dar. Und wenn doch mal eine Minderheit dieser Menschen aus ihrer Lethargie erwachen und aufbegehren sollte, dann gibt es da ja noch die geplante EU-Armee, die in Schnöggersburg lernt, wie man auch solche Probleme löst.

Ähnliche:

  • Lernen mit Tablets: Früh übt sich, wer im digitalisierten Kapita...
    30.01.2019

    Versöhnung programmiert

    Vermittlungsausschuss verhandelt über Kompetenzen von Bund und Ländern in Bildungsfragen. Den »Digitalpakt« will keiner aufs Spiel setzen
  • Müssen ihren Lehrern bald erklären, wie das ganze Hightechzeugs ...
    05.12.2018

    Streit um Schuldigitalisierung

    Grundgesetzänderung zur Lockerung des Kooperationsverbots könnte im Bundesrat scheitern
  • Ministeriale Fehleinschätzungen: IT-Unterricht an einer Schule i...
    19.10.2018

    Zankapfel Digitalpakt

    Bildungsinvestitionen aus Bundesmitteln: Parteien streiten über Kooperationsverbot. Entscheidende Weichenstellung vertagt

Mehr aus: Ansichten