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Aus: Ausgabe vom 29.01.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Maquila-Industrie

Kämpfen lohnt sich

Mexiko: Zehntausende Arbeiter von Montagebetrieben streiken für bessere Bezahlung. Erste Unternehmen zu Zugeständnissen bereit
Von Carmela Negrete
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Eine Montagearbeiterin während einer Demonstration für höhere Löhne und die Einhaltung von Arbeiterrechten (Ciudad Juarez, Mexiko, 10.2.2018)

Vierzehn Firmen gaben am Sonntag nach und werden ihren Beschäftigten nun 20 Prozent mehr Lohn zahlen, außerdem eine Einmalzahlung von 32.000 Pesos, rund 1.500 Euro. Für die Tage, an denen die Arbeiter gestreikt haben, werden sie von den Unternehmen zunächst 60 Prozent ihres Lohnes bekommen.

In der Stadt Heroica Matamoros im nördlichen Bundesstaat Tamaulipas werden inzwischen 45 Betriebe bestreikt. 35.000 Arbeiter der sogenannten Maquilas, also Montagebetriebe, haben an die Tore ihrer Werke rot-schwarze Flaggen gehängt und sich an dem Protest beteiligt. In den Maquilas werden Teile für die US-Industrie hergestellt. Hier wird ausschließlich für den Export produziert. Die Löhne sind in diesem Wirtschaftszweig besonders niedrig. Im Schnitt verdienten Arbeiter in Matamoros 2018 rund 30 Prozent weniger als im Rest des Landes.

Bereits zwei Wochen wurden die Maquilas-Werke in Matamoros ohne Genehmigung bestreikt. Am Freitag sind die Arbeiter in den offiziellen unbefristeten Ausstand getreten. Die Beteiligten fordern, dass die neue Mindestlohnerhöhung gilt. Denn eine der ersten Maßnahmen des neuen Präsidenten in Mexiko, Andrés Manuel López Obrador von der Bewegung der Nationalen Erneuerung, war die Erhöhung des Mindestlohns um 16 Prozent ab 1. Januar. Der Lohn liegt damit erstmals seit drei Jahrzehnten über der offiziellen Armutsgrenze des Landes. Es handelt sich auch um die umfassendste Erhöhung seit 25 Jahren. In den Städten, die 25 Kilometer vor der Grenze zur USA liegen, wurden die Löhne sogar verdoppelt. Die Idee dahinter ist, die Migration zu reduzieren, in dem man bessere Arbeitsbedingungen innerhalb von Mexiko anbietet. Laut der Tageszeitung Economía hoy betreffe diese Erhöhung rund 80.000 Arbeiter in Matamoros.

Aus Sicht des Präsidenten des Index, des Nationalen Rats der Maquila-Industrie, Luis Alegre Lang, würden die Arbeiter »zusätzliche Lohnerhöhungen« fordern, »die außerhalb unserer Wettbewerbsmöglichkeiten liegen«, berichtete die Tageszeitung Vanguardia am Wochenende. Der Chef des Unternehmerverbandes, der 6.250 Maquiladoras vertritt, versichert, der Streik sei nicht »im Interesse Mexikos«. Drei Unternehmen kündigten bereits an, ihre Produktion in Städte verlegen zu wollen, die nicht von der Mindestlohnerhöhung betroffen sind. Die Industrie beziffert die Verluste auf 120 Millionen Pesos (mehr als 5,5 Millionen Euro) pro Monat, sollte der Streik anhalten.

Der Sektor und die Region waren in den letzten Jahren trotz anhaltender Prekarisierung kein Ort von Protesten. Die sozialen Netzwerke dürften mexikanischen Medienberichten zufolge, bei der Organisierung der Arbeiter eine große Rolle gespielt haben. Beschäftigte drehen mit ihren Smartphones Videos von den Versammlungen vor den Toren der Werke und erklären, was gerade passiert. Den ersten Protest am 11. Januar verkündeten die Arbeiter per Video über Facebook selbst. Anschließend verbreitete sich die Nachricht und der Protest. Der Chef der Gewerkschaft der Tagelöhner sowie Industrie- und Maquilas-Arbeiter in Matamoros (SJOIIM), Juan Villafuerte Morales, hielt sich zunächst zurück. Erst Tage nach Beginn der Proteste forderte er bei den Autoritäten die Legalisierung des Streiks. Die Arbeiter hatten vor dem Büro von Villafuerte demonstriert und ihm vorgeworfen, ihre Rechte nicht zu vertreten.

In anderen Städten an der Grenze gab es bisher keinen vergleichbaren Konflikt. Medien wie El Universal spekulieren nun über eine mögliche Verbreitung des Streiks auf andere Orte an der Grenze. »Bald könnten Städte wie Reynosa oder Nuevo Laredo sich an dem Streik beteiligen. Das würde 210.000 zusätzliche Arbeiter betreffen, rund die Hälfte aller Arbeiter im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas«.

Unterdessen stellte sich am Wochenende die Kirche zum Zwecke einer Verständigung auf die Seite der Unternehmer. Der Bischof Eugenio Andrés Lira Rugarcía forderte während einer Messe in der Kathedrale Nuestra Señora del Refugio die Arbeiter auf, zum »Dialog bereit zu sein und zu »wissen, wie man ein wenig verliert, damit alle gewinnen«. Man solle sich der Entscheidungen bewusst sein, die man heute treffe. Denn sie hätten Auswirkungen für die Zukunft.

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