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Aus: Ausgabe vom 29.01.2019, Seite 7 / Ausland
Italien

Erinnerung und Heuchelei

Italien gedenkt Opfer des Holocaust. Staatspräsident Mattarella fordert, neuen Rassismus zu stoppen
Von Gerhard Feldbauer
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Der Präsident Italiens Sergio Mattarella (r.) schaut Innenminister Matteo Salvini nach seiner Vereidigung hinterher (Juni 2018)

In Italien haben am Sonntag in zahlreichen Städten Zehntausende Menschen der Opfer des Faschismus gedacht. Allein in Rom gab es 107 Veranstaltungen an dem von den Vereinten Nationen in Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Sowjetarmee am 27. Januar 1945 eingeführten Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella rief, wie die Nachrichtenagentur ANSA berichtete, in seinem Amtssitz im Quirinalspalast dazu auf, wachsam zu sein, da der »Shoah-Virus« dabei sei, zu erwachen. Die Medien des Landes waren sich einig, dass die Rede des Staatspräsidenten sich gegen den rassistischen Kurs von Lega-Chef, Vizepremier und Innenminister Matteo Salvini richtete, der sich zu Mussolini und seinen Rassengesetzen bekennt und die Verfolgung von Migranten und Sinti und Roma befürwortet. Unterstützt wird dies auch von der rechten »Fünf-Sterne-Bewegung« (M5S) von Luigi Di Maio, ebenfalls Vizepremier.

Der »tödliche Virus« verberge sich »in den Falten von Ideologien«, in »dunklen Stereotypen und Vorurteilen« und sei bereit, erneut zuzuschlagen, so Mattarella. Er betonte: »Wir Italiener haben eine moralische Pflicht«, nicht nur »daran zu erinnern«, sondern auch, »ohne zu zögern und ohne Opportunismus, jede Brutstätte von Hass, Antisemitismus, Rassismus« zu bekämpfen.

Die linke Tageszeitung Il Manifesto nutzte die Gelegenheit um auf die Heuchelei hinzuweisen, dass Minister wie Salvini auf die antifaschistische Verfassung schwören und sich gleichzeitig zu Mussolini bekennen. »Diese Subkultur des Hasses ist fruchtbar noch«, pflichtet das Blatt, auf den deutschen Dramatiker Bertolt Brecht verweisend, dem Staatschef bei.

Zu der gängigen These, der rassistische Völkermord sei in Italien erst nach der Okkupation im September 1943 durch Hitlerdeutschland betrieben worden, schrieb Il Manifesto, dass bereits bei der Eroberung der Kyrenaika 1931 und Äthiopiens 1935/36 in einem Genozid Hunderttausende Menschen umgebracht worden waren und in den von dem »Duce« damals eingerichteten Konzentrationslagern Zehntausende starben. Auch der Präsident der jüdischen Gemeinden in Italien, Noem Di Segni, wies diese in dem Land immer wieder vertretene Auffassung zurück und forderte, »die Verantwortung des italienischen Faschismus« aufzuzeigen.

Nach dem Überfall der Wehrmacht und der Bildung der sogenannten Salò-Republik Mussolinis wurde die Verfolgung der Juden unter SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, »Judenreferent« Adolf Eichmanns, forciert, der Transport in die Todeslager begann. Nach offiziellen Angaben wurden 46.000 italienische Juden ermordet. In Mailand richtete der SS-Hauptsturmführer Theodor Savaecke zahlreiche Juden und Widerstandskämpfer hin. Wie unzählige andere Naziverbrecher auch, kam er in der Bundesrepublik nicht nur ungestraft davon, sondern machte im BKA Karriere und stieg zum stellvertretender Leiter der Sicherungsgruppe Bonn auf. Die deutschen Behörden verweigerten die Auslieferung des in Italien zu lebenslanger Haft verurteilten Kriegsverbrechers.

Neben der »Endlösung« der Judenfrage wurde »die Lösung des Zigeunerproblems« durch die Vernichtung in den Konzentrationslagern Dachau, Flossenbürg und vor allem Auschwitz betrieben. Über eine halbe Million Sinti und Roma fielen dem Völkermord zum Opfer. Der Antiziganismus, an den Salvini anknüpft und der sich heute gegen 120.000 bis 150.000 Sinti und Roma in Italien richtet, gehöre »zu den widerwärtigsten und niederträchtigsten Formen des Rassismus«, schrieb Il Manifesto kürzlich.

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