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Aus: Ausgabe vom 29.01.2019, Seite 5 / Inland
Prekäre Arbeit

Stillgestanden am Fließband!

Drill für Amazon-Beschäftigte: Onlinehändler rekrutiert gezielt ehemalige Bundeswehrsoldaten und -offiziere als Führungskräfte
Von Susan Bonath
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Arbeiter bei Amazon stehen in Reih und Glied (Werk in Brieselang bei Berlin)

Der US-amerikanische Onlinehändler Amazon drückt sich in Deutschland nicht nur seit Jahren um Tarifverhandlungen und die Zahlung entsprechender Löhne. Auch an Berichten über schikanöse Arbeitsbedingungen in dem Unternehmen mit zuletzt knapp vier Milliarden US-Dollar Reingewinn mangelt es nicht. Dabei geht es zum Beispiel um verwehrte Toilettenpausen, extremen Leistungsdruck, ständige Überwachung der Beschäftigten und Mobbing. Für den Drill braucht der Konzern auch entsprechende Führungskräfte. So rekrutiert Amazon, dessen Gründer und Vorstandschef Jeffrey Bezos laut »Forbes« 2018 mit rund 150 Milliarden US-Dollar Privatvermögen zum reichsten Mann der Welt aufstieg, gezielt ehemalige Offiziere und Soldaten der Bundeswehr. Amazon setzt sie etwa als Teamleiter oder Organisatoren im Bereich Technologie ein. Das belegen offizielle Stellenanzeigen des Konzerns. Zuerst berichtete der WDR darüber.

»Die Einstellung von Personal aus dem Militär ist ein entscheidender Bestandteil unseres unternehmensweiten Businessplans«, heißt es in den nahezu gleichlautenden Anzeigen von Amazon für fast alle Standorte in der Bundesrepublik. Der Konzern beabsichtigt demnach, so »die Führungskräfte der Zukunft« zu finden. Da in Deutschland ein schnelles Wachstum zu erleben sei, so heißt es weiter, müsse man mit den Exsoldaten »die Grenzen des Möglichen überwinden«. Schließlich, so lobt sich das Unternehmen selbst, leiste Amazon in diesem Bereich »seit den Anfängen im Jahre 1995 Pionierarbeit«.

Bereits seit 2010 gebe es bei Amazon Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Frankreich Programme, die sich speziell an Fach- und Führungskräfte des Militärs richten, erklärte dazu Amazon-Sprecherin Antje Kurz-Möller. Der Konzern habe »hiermit über die letzten Jahre gute Erfahrungen gemacht und viel positives Feedback von Mitarbeitern aus unseren Logistikzentren erhalten«, begründete sie die Offensive. So müssten etwa Teamleiter vor allem dazu fähig sein, »Mitarbeiter zu führen, zu motivieren und zu inspirieren«. Ferner sei es unabdingbar, »dem Team ambitionierte und erreichbare Ziele zu setzen und diese dann gemeinsam umzusetzen«, so Kurz-Möller.

Weiter lobte sie: »Viele Soldaten der Bundeswehr haben jahrelang solche wertvollen Erfahrungen gesammelt.« Sie hätten gelernt, »täglich schnelle und richtige Entscheidungen zu treffen, die viele Tausende von Menschen beeinflussen können«. Die Sprecherin verwies zudem darauf, dass neben Amazon auch diverse Handelsketten auf Führungspersonal aus dem Militär setzten. So spricht etwa Aldi Süd seit 2015 gezielt ehemalige Bundeswehrsoldaten mit speziellen Stellenanzeigen an.

»Das wundert mich nicht, es passt bestens in die Unternehmenskultur von Amazon«, winkte Günter Isemeyer vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi im Gespräch mit jW ab. Die Führungsebene unterbinde systematisch die Mitspracherechte von Beschäftigten, konstatierte er. »Und alle minimalen Verbesserungen, wie die eine oder andere Lohnerhöhung und zuletzt ein kleines Weihnachtsgeld mussten erst hart erkämpft werden«, kritisierte Isemeyer. Jörg Lauenroth-Mago, Verdi-Landesfachbereichsleiter Handel für Leipzig, hat schon viele Streiks begleitet. Seinem Vorredner pflichtete er bei: Ohne die vielen Arbeitskämpfe würde sich der Konzern wohl kaum bewegen, was Arbeitsrechte und Löhne betrifft. Was Beschäftigte bei Amazon keinesfalls erwarten dürften, sei ein gesundheitsförderlicher oder gar wertschätzender Führungsstil, sagte Lauenroth-Mago und rügte: »Da geht es eher zu wie in einer Kaserne.«

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