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Aus: Ausgabe vom 28.01.2019, Seite 12 / Thema
Medizin und Ethik

Ihr Kinderlein kommet

Die Zahl der künstlich gezeugten Kinder nimmt zu – eine neue gesetzliche Regelung steht aus
Von Christa Schaffmann
Immer mehr Paar, die nicht selbst Kinder zeugen können, setzen a
Immer mehr Paare, die nicht selbst Kinder zeugen können, setzen auf künstliche Methoden – dazu zählt auch die in Deutschland verbotene Leihmutterschaft, bei der eine Frau ihre Gebärmutter für eine andere befruchtete Eizelle »verleiht« (Kinderstation im Klinikum »rechts der Isar« der Technischen Universität München, 2011)

Es gibt kein Menschenrecht auf ein eigenes Kind. Das gilt unabhängig von großen Fortschritten in der medizinischen Forschung und Praxis und wird absehbar auch so bleiben. Muss man wegen dieser Fortschritte alles gesetzlich erlauben, was möglich ist? Sicher nicht. Aber darf man umgekehrt neue Möglichkeiten ignorieren? Ebensowenig.

Der Blick auf ungewollte Kinderlosigkeit hat sich im Lauf der Zeit stark verändert. In der Bibel wurde diese noch als Strafe Gottes beschrieben. Über Jahrhunderte galt eine Ehe ohne Kinder als etwas Unnatürliches, Abweichendes. Obwohl schon in der altägyptischen und altindischen Medizin sowie im Talmud Fertilitätsstörungen beim Mann beschrieben worden sind, blieb es lange bei einseitigen Schuldzuschreibungen an die Frau. Ihr wurden Zauberriten, Zaubertränke, Wallfahrten, Kräuter, Badekuren und vieles mehr gegen die unterstellte Unfruchtbarkeit empfohlen. Bis ins vorige Jahrhundert galt Kinderlosigkeit noch als ein Makel. Selbst die Vertreterinnen der ersten Frauenbewegung hielten an der Bestimmung der Frau als Mutter fest.

»Schlimmer als die Atombombe«

Medizinischer Fortschritt ließ sich so nicht aufhalten. Das Wissen von Ärzten und Forschern verbreitete sich auch in der Bevölkerung. Die durch künstliche Befruchtung entstandenen Möglichkeiten verstanden viele Menschen als Zeichen dafür, dass Kinderlosigkeit nicht zwingend als Schicksal angenommen werden muss. Der Augsburger Bischof Josef Stimpfle nannte die Zeugung von sogenannten Retortenbabys durch die Methode der In-vitro-Fertilisation (IVF) 1978 noch »schlimmer als die Atombombe«. 1982 kam ungeachtet dessen das erste so gezeugte Baby in Deutschland zur Welt. 2017 saß statistisch gesehen bereits in jeder dritten Schulklasse ein Kind, das sein Leben einer künstlichen Befruchtung verdankte.

1990 hatte der Gesetzgeber mit dem Embryonenschutzgesetz (ESchG) rechtliche Grenzen für die künstliche Befruchtung gezogen. Diese wurden trotz neuer Erkenntnisse und Verfahren in Deutschland bisher nicht geändert. Seit 1991 sind Ärzte und Beratungsfachkräfte wie Sozialarbeiter und Psychologen an ein Gesetz gebunden, das sie nach eigenen Aussagen immer öfter in Konflikte bringt, denn sie sind eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, Paaren mit einem Kinderwunsch zu helfen. Letztere müssen sich mitunter zwischen dem Verzicht auf ein eigenes Kind oder der Inanspruchnahme von in Deutschland verbotenen Behandlungsmethoden im Ausland mit allen damit verbundenen konkreten Folgen und schwer kalkulierbaren Risiken entscheiden.

Der Gesetzgeber drückt sich um, zugegeben, sehr komplexe und nicht nur medizinisch, sondern auch ethisch zu prüfende Fragen herum. Welche der medizinisch und technisch möglichen Wege zu einem Kind lässt man zu, welche bleiben verboten bzw. verbietet man? Welche bisher verbotenen Forschungen werden zugelassen? Um wessen Wohl geht es bei der Entscheidung: das der Eltern, die sich ein Kind wünschen, oder das der Kinder, die irgendwann wissen wollen, wer ihr biologischer Vater bzw. ihre biologische Mutter ist? Geht es auch um das Wohl möglicher Eizellspenderinnen und potentieller Leihmütter sowie deren schwer überprüfbare Motive – von Hilfsbereitschaft gegenüber einer Verwandten oder Freundin bis hin zu finanzieller Not? Welche Rolle spielt das Gewinnstreben einer Industrie, wie sie z. B. in einigen Bundesstaaten der USA rund um das Thema entstanden ist und Millionen an Profit bringt?

Als Lara (35) und ihr Ehemann Matthias (39) knapp zwei Jahre lang ungeschützten Sex hinter sich hatten, ohne dass Lara schwanger wurde, wuchs ihre Sorge, und sie suchten ärztliche Hilfe. Erst hatten sie entspannt gewartet, dann im Internet zu recherchieren begonnen, welche Ursachen und Behandlungsoptionen es gebe. Sie wussten also zu diesem Zeitpunkt bereits viel über mögliche Verfahren – von Samenspende, über Spermieninjektion (ICSI) bis zu hormoneller Stimulation und IVF, berichtet Annika Ludwig, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie Professorin an der Medizinischen Universität Lübeck. »Andere Paare werden erst im Verlauf der Behandlung zu Experten auf diesem Gebiet. Aber vom Wissen wird man nicht schwanger.« Bei Lara und Matthias stellte sich nach verschiedenen Untersuchungen heraus, dass in Folge einer schweren Entzündung in ihrer Jugend nur noch einer von Laras Eierstöcken Eizellen produziert. Das Paar entschied sich auf ärztlichen Rat daher für eine IVF, deren Erfolgsquote bei 15 Prozent liegt. Die Behandlung besteht aus verschiedenen Phasen: von der Medikamentengabe über die Hormonstimulation, die Eizellentnahme und die Verschmelzung von Samen und Eizelle im Labor bis hin zum Embryonentransfer in die Gebärmutterhöhle. Die Kosten schienen beiden zu diesem Zeitpunkt überschaubar.

Drei Versuche werden bei gesetzlich Versicherten anteilig von der Gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Dennoch bleiben Kosten zwischen 4.500 und 7.500 Euro übrig, die die Paare allein tragen müssen. Manche schaffen das aus eigener Kraft, manche bitten die Familie um Hilfe, aber für viele kommt das nicht in Frage. Und für fast alle wird es nach mehreren erfolglosen Versuchen zu einem Thema, bei dem sich die Partner auch schon mal uneins sind; insbesondere, wenn es darum geht, einen Kredit aufzunehmen. Ein Kind durch künstliche Befruchtung zu bekommen, muss man sich leisten können.

Eizellspende

Nach drei zum Teil psychisch und physisch belastenden Versuchen standen Lara und ihr Ehemann vor der Frage, ob sie nun selbstfinanziert weitere Versuche mit völlig ungewissem Ausgang machen sollten oder – wenn man schon seine Ersparnisse für ein Kind zu opfern bereit ist – einen anderen, aussichtsreicheren, aber gleichzeitig in Deutschland gesetzlich verbotenen Weg gehen sollten: den der Eizellspende. Diese Methode ist in Europa u. a. in Schweden, Großbritannien und den Niederlanden erlaubt. Möglich ist sie gesetzlich auch in Spanien, Tschechien und Polen, wird dort jedoch anonym praktiziert. Für Frauen, die kein Baby austragen können, z. B. weil sie keine Gebärmutter haben, gibt es in Deutschland keine Hilfe, wohl aber im Ausland in Form der Leihmutterschaft. Die kommerzielle Leihmutterschaft ist in einigen Bundesstaaten der USA, in Russland, der Ukrai­ne, Georgien und Südafrika gestattet. Aus altruistischen Motiven lässt die Gesetzgebung sie in Großbritannien, den Niederlanden, Kanada (außer Quebec) und einigen Bundesstaaten Australiens zu.

Lara und Matthias entschieden sich für eine Eizellspende. Sie erhofften sich dazu Beratung durch ihre Ärztin oder einen anderen Mediziner. Doch das ist riskant für die Ärzte. So war das Paar von da an auf sich allein gestellt. Paare mit Kinderwunsch laufen so Gefahr, bei Vorgesprächen womöglich die falschen oder nicht genügend Fragen zu stellen oder auf unseriöse Angebote hereinzufallen. Aus hier nicht zitierfähiger Quelle erfuhren sie, wie wichtig es nicht nur unter gesetzlichen Gesichtspunkten, sondern auch im Interesse des Kindes ist, den Namen der Spenderin zu erfahren, denn viele künstlich gezeugte Kinder möchten später ihre biologischen Wurzeln ausfindig machen. In Deutschland haben sie dazu ein Auskunftsrecht.

Bei Lara war die Eizellspende schließlich erfolgreich, sie wurde schwanger, konnte im Anschluss wieder von ihrer Gynäkologin betreut werden und brachte in einer deutschen Klinik ein gesundes Kind zur Welt. Sie und ihr Mann wurden als Eltern eingetragen. Ihr Kinderwunsch hat sich erfüllt, die Pläne vom Hausbau mussten sie angesichts der Kosten für die künstliche Befruchtung allerdings vorläufig aufgeben.

Umstrittene Verfahren

Die Fachärztin Annika Ludwig wünscht sich eine Zulassung der Eizellspende in Deutschland sowie weitere gesetzliche Veränderungen bezüglich der Embryonenforschung, der Vermeidung von risikobehafteten Mehrlingsschwangerschaften (die 20 Prozent der Schwangerschaften nach IVF ausmachen), und mindestens eine erneute Debatte über die Leihmutterschaft. Sie stimmt darin mit dem Juristen Prof. Dr. Jochen Taupitz, dem Vorsitzenden der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, überein. Jedoch sind sich bei weitem nicht alle, die einen neuen Anlauf des Gesetzgebers fordern, im Detail darüber einig, was zugelassen und was weiterhin verboten bleiben sollte. Das machte auch ein Treffen von Experten und Journalisten an der Nationalen Akademie der Wissenschaften »Leopoldina« im Herbst 2018 deutlich.

Der Medizinethiker Urban Wiesing von der Universität Tübingen kritisiert, dass produktionsmedizinische Verfahren anders als Medikamente keine Reihe von Zulassungsverfahren durchlaufen müssen, bevor sie auf den Markt kommen. »Es gibt kein Verantwortungsubjekt für die technologische Entwicklung der reproduktionsmedizinischen Verfahren. Sie werden weltweit verbreitet, ohne dass sich jemand um Regelungen kümmert. Es ist ein lukratives Geschäft. ICSI z. B. wurde 1990 erfunden, 1991 das erste Mal angewandt. Von Anfang an gab es Stimmen, die vor einer überhöhten Zahl von Fehlbildungen bei den Kindern warnten. Die ersten Studien, die explizit die Frage nach diesen erhöhten Fehlbildungsrisiken stellten, wurden jedoch erst Ende der 1990er Jahre konzipiert. 2001 und 2002 gab es erste Ergebnisse, die eine erhöhte Fehlbildungsquote bestätigten. Das heißt: Zehn Jahre lang wurden forscherische Anstrengungen gar nicht erst angestellt. Ich nenne das verantwortungslos. Zudem werden wir aus meiner Sicht von den Reproduktionszentren auch über die Erfolgsquoten systematisch getäuscht.« Mittlerweile wurde und wird die Gesundheit der Kinder nach assistierter Reproduktion untersucht. Auch wenn das Fehlbildungsrisiko leicht erhöht sei und es eine leichte Risikoerhöhung von Frühgeburtlichkeit und geringerem Geburtsgewicht gebe, würden die meisten Kinder nach assistierter Reproduktion gesund geboren und entwickelten sich normal, betont Annika Ludwig.

Irreführend für die Öffentlichkeit sind in regelmäßigen Abständen in der Boulevardpresse erscheinende Berichte von schwangeren Prominenten, die schon 40 oder 50 Jahre alt sind: Halle Berry, Madonna, Uma Thurman, Janet Jackson, Monica Belluci, Gianna Nanini und Brigitte Nielsen sind allesamt späte Mütter. Die Berichterstattung über ihre anscheinend völlig unproblematischen Schwangerschaften wecken falsche Hoffnungen. In der Regel wird verschwiegen, dass die Schwangerschaften durch Eizellspenden von jüngeren Frauen entstanden und dafür enorme Summen gezahlt worden sind.

Psychosoziale Beratung

Die Sozialarbeiterin und Familientherapeutin Petra Thorn, die seit über 25 Jahren Paare mit Kinderwunsch berät, sieht noch ein ganz anderes Pro­blem. Nur ein Bruchteil der betroffenen hetero- und homosexuellen Paare nimmt eine psychosoziale Beratung in Anspruch. Nicht alle Ärzte würden auf diese Möglichkeit hinweisen. »Zudem gibt es noch zu wenig qualifizierte Berater, vor allem in ländlichen Gegenden.« Viele Paare seien sich am Anfang völlig einig über ihren Kinderwunsch. »Aber das kann sich ändern. Die physischen und psychischen Belastungen können bei einem der Partner dazu führen, dass er nicht mehr unter allen Umständen entschlossen ist, die Behandlung fortzusetzen. Die Beratung kann helfen, darüber in einen vernünftigen Austausch zu kommen. Auch finanzielle Fragen können zu Streitigkeiten führen. Wenn über eine Samenspende nachgedacht wird, führt das zu weiterem Beratungsbedarf: Wie und wann kann man das Kind aufklären? Könnte ein Kind stigmatisiert werden? Wie fühlt sich der soziale Elternteil?« Eine frühe Beratung sei auch sinnvoll, weil man am Anfang noch die Frage stellen könne, ob auch eine Adoption oder Pflegschaft denkbar sei. »Letztendlich wäre es auch wichtig, dass sich Paare mit einem Leben ohne Kind auseinandersetzen, denn weder in der Medizin noch bei Adoption oder Pflegschaft gibt es eine Garantie auf ein Kind.« Die Einrichtungen sprechen sich für eine frühe Beratung aus, da Paare, die bereits zwei Behandlungszyklen hinter sich haben, zumeist so sehr auf eine medizinische Lösung fixiert seien, dass man sie später kaum noch davon abbringen könne.

Daraus und aus anderen Gründen eine Beratungspflicht abzuleiten, lehnt Petra Thorn allerdings ab. Vielmehr plädiert sie dafür, dass Reproduktionsmedizinische Zentren und auf diesem Gebiet arbeitende Ärzte zu einer Kooperation mit Beratungseinrichtungen verpflichtet werden und alle Kinderwunschpatienten auf entsprechende Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen. Die Entscheidung, wann und ob sie eine solche in Anspruch nehmen, sollen die Paare selbst treffen.

Was die heikle Situation bezüglich in Deutschland verbotener Verfahren betrifft, betont Petra Thorn den grundsätzlich ergebnisoffenen Prozess. »Als Fachkräfte fällen wir weder in der Psychotherapie noch in der Beratung Entscheidungen für Ratsuchende. Wichtig ist, dass sie umfassend aufgeklärt werden, damit sie selbst eine informierte Entscheidung treffen können. Dazu gehören z. B. Informationen über die Gesetzgebung des Behandlungslandes, weil diese darüber entscheidet, ob Kinder später ihre biologischen Wurzeln überhaupt herausfinden können. Dazu gehört weiter das Wissen um die Debatten in Familien nach Samen- oder Eizellspende. Viele Paare sorgen sich beispielsweise um die Bindungsqualität zwischen Kind und sozialem Elternteil. Wir wissen jedoch, dass diese genauso stabil ist wie zu dem genetischen Elternteil. Auch die Frage, wie Paare in ihrem sozialen Umfeld mit dem Thema Kinderwunschbehandlung bis hin zur Inanspruchnahme von nur im Ausland zugelassenen Verfahren umgehen, sollte nicht dem Zufall überlassen, sondern bewusst und einvernehmlich getroffen werden.« Dabei spiele es keine Rolle, dass die Eltern nicht strafrechtlich belangt werden, sondern nur Ärzte, die in Deutschland gegen das Embryonenschutzgesetz verstoßen.

Von den bei dem Treffen an der Leopoldina anwesenden Experten befürwortet die Mehrheit ein neues Gesetz und die Zulassung der Eizellspende. Einer Freigabe der Leihmutterschaft stimmen allerdings weit weniger Teilnehmer zu. Zu den schärfsten Kritikern gehört die Politikwissenschaftlerin Ingrid Schneider von der Universität Hamburg. Sie wirft der Leopoldina vor, aus der wachsenden Nachfrage und Inanspruchnahme bisher verbotener Verfahren durch Deutsche abzuleiten, es gebe hierzulande Bedarf an einer neuen angemessenen rechtlichen Regelung.

Ausbeutung der Leihmütter

»Wenn man sich die Praxis der Leihmutterschaft, wie sie vor allem in den USA, aber auch in anderen Ländern betrieben wird, anschaut, wird sehr schnell klar: Hier geht es nicht nur um Recht, Politik und Ethik, sondern auch um ökonomische Interessen und um die Frage, ob Kinder zu einem käuflichen Gut werden sollen oder nicht. In diesem Business treiben Wissenschaft, Politik und Recht die Kommerzialisierung der Fortpflanzung voran. Die Preise richten sich nach dem Lebensstandard. In den USA kostet es 100.000 Euro, in Russland sollen es 60.000 Euro sein, in Mexiko bekommt man das gesamte Paket schon für 30.000 Euro. Das Outsourcen der ›Gebärmütter‹ ist ein internationales Business. Wenn Eizellen, Sperma und Mutter zu handelbaren Gütern werden, verändert das die Kultur und natürlich auch das Verständnis der Familie«, betont Schneider.

2012, so berichtet sie, wurden in Indien rund 1.000 Babys für britische Auftragseltern geboren, und das, obwohl in Großbritannien die Leihmutterschaft zugelassen ist. »Der Reproduktionstourismus wird meines Erachtens nicht eingedämmt, wenn man Leihmutterschaft auch hier zulässt; vielleicht würde er dadurch sogar zusätzlich angeheizt. Bezeichnend ist auf jeden Fall die tiefe Kluft, das soziale Gefälle zwischen den Auftragseltern und den Frauen, die Eizellen oder ihre Gebärmutter zur Verfügung stellen – sowohl innerhalb eines Landes wie international.«

Schneider sieht in der Leihmutterschaft auch eine Ausbeutung und Würdeverletzung von Frauen. »Wollen wir zulassen, dass Schwangerschaft eine Dienstleistung wird, und ein Kind etwas, was wie ein Produkt produziert wird? Was passiert mit unserem Bild von Elternschaft? Schließlich wird der Leihmutter ja abverlangt, dass sie die enge in der Schwangerschaft entstandene Bindung an ihr Kind abbricht – ganz im Gegensatz zu der hierzulande vorausgesetzten oder jedenfalls angestrebten bedingungslosen Annahme des Kindes, das man geboren hat. Wenn man diese Kultur durch ein freies Vertragsverhältnis ersetzt, dann verändert sich kulturell sehr, sehr viel.«

Sie zitiert aus einem abschreckenden Mustervertrag zur Leihmutterschaft aus den USA. Die Leihmutter verzichtet darin auf das Sorgerecht, verpflichtet sich, keine Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen und niemals Kontakt zum Kind aufzunehmen. Sie unterschreibt auch, bis zum Embryotransfer keinen Sex mehr mit ihrem Lebenspartner und bis zur Geburt keinen außerehelichen Sex zu haben, keinen Alkohol zu trinken und nicht zu rauchen. Außerdem muss sie einer Pränataldiagnostik zustimmen. Sollte dabei eine Auffälligkeit festgestellt werden, können die Auftragseltern über eine Abtreibung bis zur 20. Schwangerschaftswoche entscheiden. Handelt sie den Festlegungen zuwider, muss sie das Honorar zurückzahlen.

Dass der Gesetzgeber in Deutschland dem US-Modell keineswegs folgen muss und auch für andere von ihr angeführte Probleme, wie die sozialen und finanziellen Aspekte, zumindest theoretisch Lösungen finden kann, zählt für Schneider nicht. Denn was theoretisch funktioniere, sehe in der Praxis oft anders aus – zumal in einem Land, in dem große Teile des Gesundheitswesens und der Pflege längst privatwirtschaftlich und profitorientiert organisiert sind und Lobbyisten an Gesetzestexten mitschreiben.

Ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz braucht Deutschland dennoch. Forscher beklagen vor allem die Widersprüche in der existierenden Gesetzgebung: Während von Embryonenschutz gesprochen wird und im Stammzellgesetz den Embryonen grundsätzlich der Rechtsstatus von geborenen Menschen zuerkannt wird, fällt die Beseitigung der Leibesfrucht bis zur Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter (14 Tage nach Befruchtung) nach Paragraph 218 StGB nicht einmal unter den Begriff Schwangerschaftsabbruch. Letzterer ist nach ordnungsgemäßer Beratung ja noch bis zu zwölf Wochen nach Empfängnis erlaubt. Viele Wissenschaftler sehen die bisher geltenden gesetzlichen Forschungsverbote im Widerspruch zur Freiheit von Wissenschaft und Forschung nach Grundgesetz (Art. 5 III GG).

Die Gesellschaft scheint in diesen Fragen erheblich liberaler als die Gesetzgebung. Die These von der Menschenwürde befruchteter Eizellen, die gerade einmal die Größe einer Nadelspitze haben und mit bloßem Auge kaum zu sehen wären, wirkt auf viele Bürger befremdlich, wenn nicht lächerlich. Dennoch wird diese These von zahlreichen auch renommierten Juristen, Medizinern, Theologen und Politikern zumindest verbal geteilt, meist aus religiösen Gründen. Wenn etwa gesagt wird, die Beseitigung eines noch so winzigen Embryos stelle einen Eingriff in die Schöpfung dar, so kann das Nicht- oder Andersgläubige, ja, selbst viele Christen allerdings kaum überzeugen; bezeichnenderweise hört man das Argument, es handle sich um einen Eingriff in die Schöpfung, auch nicht bei der Todesstrafe oder etwa bei Kriegen. Des weiteren wird oft erklärt, dass das menschliche Leben schon ab der Kernverschmelzung genetisch programmiert sei. Die potentielle Entwicklung zu einem Menschen ist aber erwiesenermaßen erst nach der Einnistung der Eizelle (Nidation) möglich. Selbst das rigorose Embryonenschutzgesetz erlaubt in Paragraph eins die für die IVF notwendige Befruchtung von drei Eizellen, von denen zwei in vielen Fällen zum Sterben verurteilt sind. Die religiöse Vorstellung von der bereits mit dem befruchteten Ei verbundenen unsterblichen Seele mag ein Gewissensproblem für gläubige Menschen darstellen. Sie rechtfertigt aber nicht, einer gesellschaftlichen Mehrheit per Rechtsordnung die Sondermeinung einer Minderheit (auch unter Christen) aufzuzwingen.

Fehlender politischer Wille

Als nach der Bundestagswahl im September 2017 verschiedene Gruppen versuchten, ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz auf die Agenda der Koalitionsverhandlungen zu setzen, scheiterten sie. Auch ein von der Leopoldina im Oktober 2017 veröffentlichtes Diskussionspapier, das noch einmal die Dringlichkeit einer neuen rechtlichen Regelung angesichts einer stark veränderten Lage unterstrich, blieb ohne Reaktion. Es fehlt offenbar am politischen Willen.

Christa Schaffmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. November 2018 über die Krise des Völkerrechts.

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