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Aus: Ausgabe vom 28.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Hof ohne Krone

Das Dilemma des Populismus: »The Favourite – Intrigen und Irrsinn« im Kino
Von Felix Bartels
Emma Stone
Stößt an intrinsische Grenzen einer Politik ohne Inhalt: Abigail (Emma Stone)

Wenn Giorgos Lanthimos bislang für ein Kino stand, in dem Stil vor Substanz kommt, scheint sich das in »The Favourite – Intrigen und Irrsinn« umzukehren. Das soll nicht sagen, dass die künstlerischen Mittel hier weniger effektvoll wären als etwa in »The Lobster« (2015) oder »The Killing of a Sacred Deer« (2017). Die Musik schwankt zwischen Harmonie und schriller Beklemmtheit, die Kamera reproduziert diese Stimmung durch nicht vorhersehbare, impulsive Fahrten sowie einen häufigen Wechsel von Weitwinkel und Fisheye auch bei Innenszenen. Die Beleuchtung nutzt, inspiriert von Kubricks »Barry Lyndon« (1975), ausschließlich natürliche Lichtquellen, was der Orientierung im Raum oft nicht zuträglich ist.

All das aber scheint nicht einfach bloß Spiel mit dem Effekt, sondern macht das Unwirtliche im Unwirklichen sichtbar: eine Umgebung, die vom launenhaften, bedrohlichen und bedrohten Wesen einer Person beherrscht wird, und die Fabel ist dabei ebenso in sich geschlossen, wie sie eine komplexe politische Deutung zulässt. Wir befinden uns in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts am englischen Hof während des spanischen Erbfolgekriegs. England und Frankreich kämpfen um Nordamerika, also darum, wer fürderhin die ökonomische Vormachtstellung einnehmen wird. Die Königin Anne (Olivia Colman) wird beraten, beeinflusst, im Grunde gelenkt von ihrer langjährigen Freundin Sarah Churchill (Rachel Weisz). Durch die Politik sehr in Anspruch genommen, delegiert Sarah die persönlichen Dienste an Abigail (Emma Stone), eine verarmte Adlige, die entfernt mit ihr verwandt ist. Da der Zugang zur Politik sich allerdings über die sprunghafte Persönlichkeit Annes herstellt, gewinnt Abigail bald an Einfluss. In einem Spiel politischer Manöver und Intrigen wird Sarah schließlich von ihr verdrängt.

Der Film lädt bloß vorderhand dazu ein, das Politische als Gewand des Persönlichen zu verstehen. Tatsächlich zeigt er umgekehrt das Politische, das im Persönlichen liegt. Das Hofdrama ist der Aufhänger einer Lovestory, die ihrerseits der Aufhänger einer politischen Fabel im allgemeineren Sinne ist. Sinnvoll entschlüsselt, erzählt »The Favourite« das Aufkommen und schließliche In-sich-Krepieren des Populismus in der heutigen Demokratie. Wir sehen einen ohnehin geschwächten Absolutismus mit einer noch schwächeren Herrscherin. Die etwas konservativeren Tories stemmen sich gegen den Krieg mit Frankreich, während die etwas bürgerlicheren Whigs den Krieg wollen. Das ist folgerichtig, denn für den wirtschaftlich schwächeren Adel ist die Steuerbelastung das größere Problem, wohingegen die Bourgeoisie sich von den Feldzügen Gewinne erhoffen kann. Also beträgt sich die »linke« der beiden Parteien als die Kriegspartei. Wo die kulturell progressive Strömung das Staatsgeschäft besser erledigt, also Wert- und Strukturkonservatismus sich entzweit haben, ist eine Lage erreicht, die der unseren gleicht. Die Obamas und Merkels halten aufgrund kultureller Marker (Gleichberechtigung, Inklusion usw.) demographisch die Oberhand gegen den klassischen Konservatismus, und in die von letzterem nicht schließbare Lücke stößt folgerichtig der Populismus.

Mit Anne haben wir eine sprunghafte, oft überforderte Regentin, deren nominelle Macht in dem Einfluss, der leicht auf sie ausgeübt werden kann, zurückgenommen ist. Der Hof ist ohne Krone. Sowohl Sarah als auch später Abigail steuern Anne über dekadenten Zeitvertreib und sexuelle Verlockung. So lässt sich diese Figur als Verkörperung des Volks, seiner Macht und Seele, interpretieren. Dieser souveränen Instanz kann die Macht nicht selbst übertragen werden, weil das einfach Chaos bedeutete. Also setzt sich eine Art Apparat auf den nackten Willen, diesen – bei kollateraler Erfüllung eigener Interessen – etwas einzudämmen.

In Sarah und Abigail haben wir zwei Wege zum selben Ziel. Sarah, die Vertreterin der Whigs, ist eine überaus ernste Natur. Sie hat klare politische Vorstellungen und versucht sie via Anne umzusetzen. Dabei nutzt sie den Stolz der Königin und versucht es meist mit der Wahrheit. Abigail hingegen, die Anne hauptsächlich mit Schmeichelei begegnet, interessiert an der Politik bloß die technische Seite. Als Adlige, die in ihren alten Stand zurückwill, verkörpert sie den sozialen Aufsteiger, eine Politik ohne Politik, die sich das unvermeidliche Unbehagen am Politischen zunutze macht. Sie ist das eigentliche Thema: der Populismus, der gegen die arrivierte, etablierte Politik aufkommt.

Aber dieser Populismus stößt an intrinsische Grenzen. Als Abigail ihre Konkurrentin endgültig verdrängt hat, ist sie zugleich selbst am Ende. Die letzte Szene des Films veranschaulicht in delikater Herr-Knecht-Dialektik das Dilemma einer Politik ohne Inhalt, die vollständig auf Schmeichelei gebaut ist und sich daher vollends abhängig gemacht hat von der Sprunghaftigkeit der Volksseele. Anne demütigt die siegreiche Abigail in einer Weise, wie sie es bei Sarah nicht gewagt hätte. Die vollendete Kontrolle über das Volk bezahlt der Populismus mit seiner vollständigen Abhängigkeit von dessen Launen.

»The Favourite – Intrigen und Irrsinn«, Regie: Giorgos Lanthimos, GB, Irland, USA 2018, 120 min, bereits angelaufen

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