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Aus: Ausgabe vom 28.01.2019, Seite 5 / Inland
Den Markt aufrollen

Gekauft und »saniert«

Expansion und Jobabbau: Kurt Kriegers Firmen wachsen. Mit Möbel Finke kam 2018 ein weiterer Wettbewerber ins Portefeuille
Von Gerrit Hoekman
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Wird immer dicker: Logo des Möbelhandelskonzerns Höffner

Besonders gut besucht war die Betriebsversammlung des Möbelhauses Finke am Mittwoch nicht. Nur etwa 20 der rund 180 Beschäftigten am Standort in Münster waren der Einladung der Gewerkschaft Verdi gefolgt, wie der WDR am Donnerstag online berichtete. Dabei betraf der Anlass der Versammlung wirklich jede und jeden: Der neue Eigentümer will ihnen bis zu 600 Euro vom Grundgehalt wegnehmen.

Nach Ansicht der Gewerkschaft ist die geringe Beteiligung kein Indikator für die Kampfbereitschaft unter den Mitarbeitern. Bis jetzt haben laut WDR etwa 50 Kolleginnen und Kollegen den schlechteren Konditionen zugestimmt. Wohl weil sie fürchten, sonst gekündigt zu werden. Verdi spricht von massivem Druck des Arbeitgebers auf die Belegschaft.

Als Käufer von Finke war die Krieger Handel SE (Gesellschaft europäischen Rechts) aufgetreten. Hinter zahlreichen weiteren Firmenkonstrukten mit dem Namen steht der (West-)Berliner Unternehmer Kurt Krieger. Ihm gehört die Möbelhauskette Höffner, die vor allem in Berlin, Hamburg und den östlichen Bundesländern aktiv ist. Und Krieger expandiert seit geraumer Zeit. So schluckte er zwischen 2002 und 2004 den westdeutschen Anbieter Möbel Walter und stieg bei Möbel Kraft ein. 2005 kaufte Krieger laut Wikipedia die Möbelhäuser der Familienkette Möbel Erbe ( Hanau und Schkeuditz). Beide wurden kurze Zeit später geschlossen. Die Krieger-Möbelhäuser sind auf dem deutschen Markt hinter IKEA die zweitgrößten Anbieter.

Im Oktober übernahm der Unternehmer dann das angeschlagene Familienunternehmen aus Paderborn mit seinen Filialen in Münster, Hamm, Kassel, Jena und Erfurt. Außerdem im Paket: Die fünf zu Finke gehörenden Häuser der Discountmarke »Preis Rebell«. Sie sollen dem Vernehmen nach weitergeführt werden, möglicherweise aber unter neuem Namen. Das Bundeskartellamt hatte die Übernahme genehmigt.

»Niemand wird unter Druck gesetzt«, sagte Krieger laut dem WDR-Bericht. »Das Möbelhaus Finke in Münster ist ein Sanierungsfall. Die Personalkosten sind deutlich zu hoch und müssen angepasst werden.« Kriegers Problem: Nach einer Übernahme besitzen alte Arbeitsverträge eine Bestandsgarantie von einem Jahr. Sie können nur in gegenseitigem Einvernehmen geändert werden. Wie freiwillig die Zustimmung jeweils ist, wenn die Kündigung wie ein Damoklesschwert über der Belegschaft hängt, sei dahingestellt.

Der Rest der Belegschaft will sich nach Einschätzung von Verdi jedenfalls widersetzen. »Jetzt merken die Beschäftigten, dass die Arbeitgeber noch mal mehr an das Portemonnaie wollen. Und das Maß ist jetzt auch voll«, zitierte der WDR die Gewerkschaftssekretärin Gabi Beuing nach der Versammlung am Mittwoch. »Da merke ich, dass die Kolleginnen und Kollegen sich das nicht mehr gefallen lassen. Sie machen gute Arbeit. Und für gute Arbeit wollen sie auch gutes Geld.«

Das galt auch für die Finke-Belegschaft am Stammsitz in Paderborn viele Jahre. Trotzdem stehen im Sommer 300 Leute auf der Straße – das Möbelhaus wird abgerissen. Am 31. März ist letzter Verkaufstag. »Wir wollen das Unternehmen retten. Dazu sind auch schmerzhafte Einschnitte unausweichlich«, zitierte der Westfälische Anzeiger aus einer im November veröffentlichen Erklärung des Krieger-Konzerns.

Die 100 Leute in der Finke-Verwaltung in Paderborn dürfen demnach die Auflösung noch bis Ende 2019 abwickeln, dann sind auch sie arbeitslos. Der Kundendienst, die Sachbearbeitung und das Callcenter werden dem Vernehmen nach in die Höffner-Zentrale nach Schönefeld bei Berlin verlegt. Nur die Fahrer und Monteure behalten nach Informationen des WDR ihre Jobs, denn die Logistik in Paderborn will Krieger wohl übernehmen.

Die 100 Entlassenen können sich auf 15 neue, schlechter bezahlte Stellen bewerben. Für die, die gehen müssen, soll ein Sozialplan aufgestellt werden, verspricht Krieger. Sie bekommen bis Ende Juni Gehalt, auch falls sie ab März nicht mehr arbeiten müssen. Außerdem will das expandierende Unternehmen Abfindungen von bis zu 30.000 Euro bezahlen. Gestaffelt nach der Betriebszugehörigkeit. Das berichtete die Lippische Landeszeitung Anfang Januar. Diejenigen, die vor dem Juni kündigen, bekommen aber wahrscheinlich nichts oder höchstens einen Bruchteil der Abfindung.

Trotzdem haben offenbar viele bereits aufgegeben. »Die sinkende Zahl der Mitarbeiter soll ein Grund sein, warum das Verkaufshaus in Paderborn bereits Ende März, statt wie angekündigt im Juni schließen soll«, schrieb die Lippische Landeszeitung weiter. Angeblich müssen Kollegen aus Hamm und Münster einspringen, um den Verkauf überhaupt bis Ende März aufrechtzuerhalten.

Die ebenfalls befürchtete Schließung am Standort Jena scheint hingegen vom Tisch. Krieger will das Möbelhaus für 70 Millionen Euro rekonstruieren. Der Stadtrat stellte dafür bereits einen neuen Bebauungsplan auf, wie das regionale Jena TV am Donnerstag berichtete. 50 neue Arbeitsplätze sollen entstehen, auch der Name Finke bleibt in der prosperierenden thüringischen Stadt erhalten. Das sieht in Münster anders aus. Nach der geplanten Renovierung wird das Möbelhaus im Sommer unter dem Namen Höffner neu eröffnet. Ob die Belegschaft während der Schließung weiter Lohn bekommt, darüber gibt es bis jetzt keine Informationen.

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