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Aus: Ausgabe vom 26.01.2019, Seite 15 / Geschichte
Zweiter Weltkrieg

Leningrad ist frei!

Vor 75 Jahren zerschlug die Rote Armee den Blockadering der Wehrmacht um die Metropole an der Newa
Von Martin Seckendorf
Soviet machine-gunners firing at the enemy near the old train st
Den Feind im Visier. Sowjetische Maschinengewehrschützen in Puschkin bei Leningrad am 21. Januar 1944

Zehn Wochen nach Beginn der Aggression gegen die Sowjetunion erreichte die Heeres­gruppe Nord mit zwei Armeen (16. und 18.) und der Panzergruppe 4 Leningrad. Von Norden drang die finnische Armee als Verbündeter der Wehrmacht auf der Karelischen Landenge gegen die Stadt vor. Am 8. September 1941 eroberte die Wehrmacht Schlüsselburg am Ladogasee. Damit gab es für Leningrad keine Landverbindung mehr zum nichtbesetzten Gebiet. Die drei Millionen Einwohner der Stadt und der Randgebiete, darunter mehr als 400.000 Kinder, waren eingeschlossen.

Strategie des Aushungerns

Nach den Plänen der deutschen Führung sollte die Stadt nicht erobert, sondern eingeschlossen, zerstört und ausgehungert werden. Damit fügten sich die Befehle gegen Leningrad in das Gesamtkonzept der Nazis für die Besatzungspolitik in der UdSSR ein. Man war der Meinung, die unterworfene Sowjetunion sei nur dann dauerhaft zu beherrschen und stehe als Lieferant von Lebensmitteln und Rohstoffen sowie als Raum für die massenhafte Ansiedlung von Deutschen zur Verfügung, wenn alle Kommunisten und »rassischen Feinde« vernichtet seien. Gemäß den schon vor Beginn des Krieges entwickelten Planungen war die Bevölkerung der UdSSR um mindestens 30 Millionen Menschen zu reduzieren. Als ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen, wurde großen Bevölkerungsgruppen die Nahrung gewaltsam vorenthalten. Hermann Göring, zweiter Mann in der Nazi-Hierarchie, wies im November 1941 in einem Gespräch mit dem italienischen Außenminister Galeazzo Ciano auf den Vernichtungsaspekt des Raubkrieges hin: »In diesem Jahr werden in Russland zwischen 20 und 30 Millionen Menschen verhungern. Und vielleicht ist das gut so, denn gewisse Völker müssen dezimiert werden.«

In Leningrad machte sich die Einkesselung sehr bald in einem Mangel an Lebensmitteln schmerzlich bemerkbar. Die Verluste der Bevölkerung durch Hunger, aber auch durch Artilleriebeschuss und Luftangriffe stiegen dramatisch. Der ungewöhnlich harte Winter 1941/42 mit Nachttemperaturen unter minus 40 Grad verschärfte die Situation erheblich. Eine fragile Schiffsverbindung an das freie Ostufer des Ladogasees brachte nur wenig Entlastung.

Im Januar 1943 änderte sich die Lage. Am 8. Dezember 1942 befahl das sowjetische Oberkommando, mit einer großen Operation unter der Deckbezeichnung »Iskra« die Belagerung Leningrads zu durchbrechen. In schweren Kämpfen ab dem 12. Januar 1943 gelang es, entlang der Südküste des Ladogasees einen bis zu elf Kilometer tiefen Landkorridor nach Leningrad zu schaffen. Damit konnte die Versorgung der eingeschlossenen Menschen verbessert und die militärische Kraft der in Leningrad stationierten Truppen erheblich gesteigert werden. Die Flakartillerie und die Fliegerverbände der Roten Armee konnten die Angriffe der deutschen Luftwaffe auf die Stadt deutlich reduzieren.

Danach ebbten die Kämpfe im Leningrader Gebiet ab. Der Schwerpunkt des Krieges hatte sich in den Süden der deutsch-sowjetischen Front verlagert. Beide Seiten nutzten die Phase relativer Ruhe, um die Streitkräfte auf kommende Auseinandersetzungen vorzubereiten. So verlegte die UdSSR Teile der am Ladogasee stehenden 2. Stoßarmee mit 44.000 Mann und 600 Geschützen in den seit 1941 von der Roten Armee gehaltenen, 30 Kilometer westlich Leningrads liegenden Brückenkopf Oranienbaum. Der Transport der Armee erfolgte von der deutschen Aufklärung unbemerkt über die mit der Operation »Iskra« geschaffene Landverbindung nach Leningrad und weiter auf dem Seeweg nach Oranienbaum. Zusammen mit den dort stationierten sechs Divisionen entstand im Rücken der Belagerer ein auf den Durchbruch spezialisierter Großverband. Die Wehrmacht unternahm große Anstrengungen, das von der Heeresgruppe Nord beherrschte Gebiet zwischen Leningrad im Norden und Welikije Luki im Süden stark zu befestigen und riesige Munitionsvorräte anzulegen. Der Schwerpunkt dieser Unternehmungen lag im Bereich der 18. Armee zwischen Leningrad, Ilmensee und Peipussee. Völkerrechtswidrig wurden Zehntausende Kriegsgefangene und Zivilisten unter unmenschlichen Bedingungen zu Schanzarbeiten gezwungen.

Befreiungsoffensive

Am 12. Januar eröffnete die 2. Baltische Front der Roten Armee gegen den südlichen Teil der Heeresgruppe Nord die große Schlacht. Damit konnte die Wehrmacht keine Verstärkungen an die Kampfabschnitte im Norden werfen. Am 14. Januar trat die im Brückenkopf Oranienbaum gebildete Stoßgruppierung, unterstützt von schwerer Schiffsartillerie der Baltischen Rotbannerflotte, an. Schon am ersten Tag gelang ein vier Kilometer tiefer Einbruch in die faschistischen Stellungen. Einen Tag später begann der Hauptschlag der sowjetischen Offensive. Den Sturm von zwei Armeen aus dem Leningrader Gebiet eröffneten Hunderte Geschützbatterien. Auf die Stellungen der Deutschen gingen in nur 90 Minuten mehr als 200.000 Granaten aller Kaliber nieder.

Die Rotarmisten kamen wegen der starken Befestigungen nur langsam voran. Doch am 19. Januar reichten sich die Soldaten der 2. Stoßarmee und der aus Leningrad kommenden 42. Armee bei Ropscha die Hände. Ein wichtiger Teilerfolg war errungen. Die Verluste der Wehrmacht stiegen dramatisch. An die deutschen Soldaten erging vom »Führerhauptquartier« der Befehl, das Leningrader Gebiet unbedingt zu halten. Ein Rückzug, so die Furcht der Nazis, werde die von der deutschen Spionage erkannten Bemühungen des finnischen Verbündeten um einen Separatfrieden mit der Sowjetunion bestärken. Als die Verbände der sowjetischen Wolchowfront vom Südufer des Ladogasees und beiderseits Nowgorods antraten, musste sich die 18. Armee nach Westen in Richtung Narwa und Peipussee zurückziehen, nicht ohne zuvor den gewaltigen Kunstraub abzutransportieren. Aus den weltberühmten Schlössern und Museen des Leningrader Gebiets wurden mehr als 34.000 Kunstwerke gestohlen. Der Belagerungsring konnte am 26. Januar endgültig zerschlagen werden. Leningrad war frei. Die größte und längste Belagerung, die je eine Stadt ertragen musste, war beendet. Der 27. Januar wurde in der geschundenen Stadt und im ganzen Land als Feiertag begangen. 324 Geschütze schossen Salut.

Während der Belagerung war den Menschen unsagbar großes Leid zugefügt worden: Mindestens 800.000 Tote waren zu beklagen, 150.000 Granaten, 100.000 Brand- und 4.600 Sprengbomben waren auf die Stadt niedergegangen. In den vielen Statistiken über die Toten fehlen oft, besonders in nachsowjetischer Zeit, die mehrere hunderttausend Sowjetsoldaten, die während der Kämpfe um die Befreiung Leningrads umgekommen sind. Die Blockade hatte sich als traumatisches Ereignis tief in das kollektive Bewusstsein der Sowjetbürger eingegraben.

Operativer Auftrag der Wehrmacht gegen Leningrad: »Volkskatastrophe« auslösen.

Die deutsche Führung befasste sich bald nach Beginn der Aggression gegen die Sowjetunion mit Plänen zur Vernichtung Leningrads, der zweitgrößten Stadt der UdSSR, und ihrer fast drei Millionen Einwohner. Auf einer Generalsversammlung am 8. Juli 1941 forderte Hitler, »Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten.« Ziel sei die Herbeiführung einer »Volkskatastrophe, die nicht nur den Bolschewismus, sondern auch das Moskowitertum der Zentren beraubt.«* Am 07. Oktober 1941, vier Wochen nach Einschließung der Stadt, bekräftigte ein »Führerbefehl«: Ein sowjetisches Angebot zur Übergabe Leningrads sei abzulehnen. »Wer die Stadt (…) verlassen will, ist durch Feuer zurückzuweisen.« Außerdem seien durch den Hunger »schwere Seuchengefahren zu erwarten.« Die Ernährung der Bevölkerung durch die Deutschen »ist nicht zu verantworten.«** In den 872 Tagen der Belagerung starben mindestens 800.000 Menschen, meist durch Verhungern – ein monströses Kriegsverbrechen, das nur deshalb nicht deutlich größer ausfiel, weil die Rote Armee am Westufer des Ladogasees einen 50 Kilometer langen Landstreifen hielt und Schiffsverkehr unter ständiger Bedrohung durch die Luftwaffe zum unbesetzten Gebiet möglich war.

* Generaloberst Halder Kriegstagebuch, Bd. III, ­bearbeitet von Hans-Adolf Jacobsen, Stuttgart 1964, S. 53

** Internationales Militärtribunal, Dok. 123-C.

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