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Aus: Ausgabe vom 26.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Hochschulfinanzierung

Facebook lässt forschen

Social-Media-Konzern spendiert TU München ein Institut, das die »Ethik der künstlichen Intelligenz« ergründen soll. Kritiker beklagen Marketingtrick
Von Ralf Wurzbacher
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Mark Zuckerberg ist nur ein Teil des Problems: Protest vor dem US-Capitol, der über das weltweite Netzwerk Avaaz organisiert wurde (Washington, 10.4.2018)

Ein dickes »Like« von Facebook für die TU München. Die »Exzellenzuniversität« hat sich den Social-Media-Giganten aus dem Silicon Valley an Land gezogen. Oder besser andersherum: Mark Zuckerberg kapert für Peanuts den guten Ruf einer deutschen Vorzeigehochschule. Mit einer Startfinanzierung von 6,5 Millionen Euro wird der durch wiederholte Skandale gebeutelte IT-Konzern den Aufbau einer neuen Abteilung namens »Institute for Ethics in Artificial Intelligence« unterstützen. Das verkündeten TUM-Vizepräsident Thomas Hofmann und Facebook-Managerin Sheryl Sandberg auf der Konferenz »Digital-Life Design«, die am zurückliegenden Wochenende in Bayerns Landeshauptstadt stattfand.

Wie es heißt, soll sich das zu gründende Institut der Erforschung der »ethischen Implikationen der künstlichen Intelligenz« widmen. Denn »gesellschaftsrelevante Innovationskreisläufe sind ohne die ethische, rechtliche und politische Gesamtbetrachtung nicht möglich«, bemerkte Hofmann. Dass er dabei ausgerechnet auf die Hilfe des kalifornischen Datenkraken setzt, erscheint reichlich verwegen. Facebook verdankt seine Milliardenprofite einer weltumspannenden Überwachungsarchitektur, hat widerrechtlich die Nutzerinformationen von Abermillionen Menschen in Umlauf gebracht und trägt durch seine Verwicklung in die Cambridge-Analytica-Affäre eine Mitschuld daran, dass Donald Trump US-Präsident werden konnte.

Da kommt die Anbiederei der TUM wie gerufen. Ihr Renommee als eine der besten Hochschulen Deutschlands hilft, das lädierte Image wieder aufzupolieren und sich als geläuterter Konzern mit Gewissen und Moral zu verkaufen. Der KI-Direktor von Facebook, Joaquin Quiñonero Candela, gab schon einmal die Richtung vor. »Bei Facebook ist der verantwortungsvolle und umsichtige Umgang mit der KI für alles, was wir tun, von grundlegender Bedeutung.« Die Technologie werfe »jedoch komplexe Probleme auf, die Menschen und Gesellschaft betreffen und die die Industrie allein nicht beantworten kann«.

Hier soll jetzt also die Wissenschaft ins Spiel kommen, dazu auch noch die Ethik, die ja so zielsicher zwischen Gut und Böse unterscheidet. Für den Projektkoordinator und künftigen Institutsleiter Christoph Lütge ist der Kapitalismus auf alle Fälle eine gute Sache. In seinem jüngsten Buch »Wirtschaftsethik« hielt er fest: »Man kann das Eigeninteresse – innerhalb der geeigneten Rahmenordnung – gewissermaßen als eine ›moderne Form der Nächstenliebe‹ begreifen«, weshalb heute »nicht mehr der traditionelle Gegensatz zwischen gutem, altruistischen Verhalten und schlechtem Egoismus« gelte. Lütge hebe damit alle Ethik auf, beklagte der Aalener Ökonomen Christian Kreiß in der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch. Was bleibe, sei die »absolute Freiheit für die Industrie und ihre Manager.«

Und wo bleibt die wissenschaftliche Freiheit der TU München, wenn ihr Facebook mal eben ein Institut spendiert, dem dazu noch ein echter Marktfetischist vorsteht? Natürlich gebe es keine Auflagen von seiten des US-Unternehmens oder gar eine Berichtspflicht, beteuerte Lütge. Die Finanzierung sei eine »Win-win-Situation«, wobei klar wäre: »wir sind unabhängig«. Kürzlich erst war der Professor in die Ethikkommission der Bundesregierung zum Autonomen Fahren berufen worden. Nach deren 2017er Bericht ist automatisiertes und vernetztes Fahren »ethisch geboten, wenn die Systeme weniger Unfälle verursachen als menschliche Fahrer«. Ergo sind auch die Milliardengewinne »ethisch« okay, die die Technologie verspricht, so wie die Verkehrstoten, die der Pilotbetrieb bisher verursacht hat. So einfach ist das.

Wie üblich in solchen Fällen werden auch die Verträge zwischen der Hochschule und Facebook unter Verschluss bleiben. Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass darin keine Mitbestimmungsrechte für den Konzern verbrieft sind, wird der seinen Einfluss geltend machen. Der Millionenzuschuss wird schließlich über fünf Jahre gestreckt und die Uni sich um jede Rate verdient machen müssen. Die Uni werde »zum verlängerten Marketing-Arm von Facebook«, ist sich Professor Kreiß sicher, von dem 2015 das Buch »Gekaufte Forschung« erschien. Und die forschungspolitische Sprecherin der Grünen im bayerischen Landtag, Anne Franke, fürchtet, dass der Forschung »goldene Zügel« angelegt würden.

Bei der TUM kennt man das schon. Vor einem Jahr ist die Münchner TU eine Kooperation mit der Dieter-Schwarz-Stiftung eingegangen. In deren Rahmen »schenkt« der Lidl-Gründer der Uni auf einen Schlag 20 neue Lehrstühle – völlig selbstlos, versteht sich.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Raoul Hamlet: Wessen Uni ist die Uni? Wessen Uni ist die Uni? Zu jW vom 26.1.: »Facebook lässt forschen« Etwas hat mich in dem ansonsten informativen Beitrag von Ralf Wurzbacher über die Kooperation von Facebook mit der TU München doch ...

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