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Aus: Ausgabe vom 26.01.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Internationale Solidarität

»Ich bin seit meiner Collegezeit solidarisch mit Palästina«

In der US-Bürgerrechtsbewegung wächst die Kritik am Apartheidstaat Israel. Antisemitismusvorwürfe gegen Aktivisten. Ein Gespräch mit Angela Davis
Von Amy Goodman
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Angela Davis beim 37. Internationalen Filmfestival in Toronto anlässlich der Vorstellung eines Filmes über ihr Leben (9.11.2012)

Das Birmingham Civil Rights Institute, BCRI, widerrief seine Entscheidung, Sie mit seinem Menschenrechtspreis zu ehren, nachdem das Birmingham Holocaust Education Center den Vorstand aufgefordert hatte, diese zu überdenken. Andere kritisierten Sie wegen Ihrer Unterstützung der Black Panthers und der Kommunistischen Partei. Im Gegensatz dazu haben mehr als 350 Akademiker spontan die Petition der Organisation »Jewish ­Voice for Peace« unterzeichnet. Wie sehen Sie das?

Ich fühlte mich durch den Shuttleworth-Preis meiner Geburtsstadt sehr geehrt. Ich kannte Fred Shuttlesworth, weil ich mit seiner Tochter Patricia zur Schule ging. Doch dann rief mich jemand vom BCRI kurz vor Veröffentlichung der Entscheidung am 5. Januar an und las mir die Erklärung vor. Als ich um konkretere Gründe für die Rücknahme des Preises bat, bekam ich nur eine abstrakte Antwort. So etwas wie »Es hat mit Ihren Veröffentlichungen zu tun«. Später hörte ich von einem Artikel im Magazin Southern Jewish Life, in dem Details meines Einsatzes für Menschenrechte in Palästina und den Boykottaufruf gegen den Staat Israel wegen seiner Besatzungspolitik genannt wurden.

Denen war wohl nicht klar, dass es eine sofortige überwältigende Reaktion zu meinen Gunsten geben würde. Hunderte Einzelpersonen und Organisationen meldeten sich bei mir, auch aus Birmingham. Dort organisieren Freunde von mir nun eine alternative Veranstaltung, die am selben Tag stattfinden wird, an dem das BCRI ursprünglich seine Gala durchführen wollte. Ich finde es gut, dass das Thema Gerechtigkeit für Palästina dadurch stärker in den öffentlichen Diskurs gerät. Ich will gar nicht im Mittelpunkt dieser Kontroverse stehen, aber ich freue mich, dass nun die Diskussion über Rassismus, Antisemitismus und Gerechtigkeit für Palästina in Gang kommt.

Birminghams Bürger­meister Randall Woodfin sagte, er sei bestürzt über die Kehrtwende des BCRI. Die Kontroverse führe in die Vergangenheit zurück statt nach vorn.

Ich finde es toll, dass Birmingham nun einen Bürgermeister hat, der mutig ist, kein Blatt vor den Mund nimmt und etwas riskiert. Ihm ist zu verdanken, dass der Protest gegen die Entscheidung des Vorstands laut wurde, dem er früher selbst angehörte.

Es ist erstaunlich, dass der BCRI-Vorstand sich weigert, genau zu benennen, wie sein Prozess des Umdenkens verlaufen ist, und wir auf Spekulationen angewiesen sind. Ich finde es aber wichtig, dass wir nicht den Stab brechen über die jüdische Gemeinde Birminghams, genausowenig wie über die schwarze Gemeinde. In beiden vertreten Menschen ganz unterschiedliche politische Positionen. Es gibt progressive Mitglieder der jüdischen Gemeinde, zu denen die Jewish Voice for Peace Kontakt hat. Wir müssen uns des Ausmaßes der politischen Macht bewusst sein, die der Vorwurf des Antisemitismus in der Diskussion entfalten kann.

Sie haben 2015 das Buch »Freedom Is a Constant Struggle: Ferguson, Palestine, and the Foundations of a Movement« verfasst. Sind Sie eine Unterstützerin der »Boycott, Divestment, Sanctions«-Bewegung, BDS?

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Ziviler Widerstand: Proteste der Bewohner des palästinensischen Dorfs Jaba am 14. März 2015 im besetzten Westjordanland

Absolut. Und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht. Als BDS 2005 gegründet wurde, war das eine Antwort auf die Bemühungen der palästinensischen Zivilgesellschaft, sich im Geiste der US-Bürgerrechtsbewegung aufzustellen. Der allgegenwärtigen Repression im besetzten Palästina sollte gewaltfrei entgegengetreten werden. Ich bin seit meiner Collegezeit solidarisch mit Palästina, habe aber in der letzten Zeit mit vielen anderen daran gearbeitet, das Thema Gerechtigkeit für Palästina in die breitere Debatte über soziale Gerechtigkeit einzubringen. Damit waren wir sehr erfolgreich. Die Unterstützung für Palästina wächst an den Hochschulen überall im Land, vor allem unter schwarzen Gruppierungen. Als es dann 2014 in Ferguson den Aufstand gegen Polizeigewalt gab, waren es zuerst palästinensische Aktivisten, die halfen, die weltweite Solidaritätsbewegung für Black Lives Matter zu stärken.

Deshalb ist es nur richtig, dass die BDS-Bewegung dem Beispiel des Boykotts gegen den Apartheidstaat Südafrika folgt. Und ich habe dafür gesorgt, dass Organisationen wie die American Studies Association und die National Women’s Studies Association den Boykott mit Resolutionen unterstützen. Ich habe also in unterschiedlichsten Kontexten dazu beigetragen, dass der Ruf nach Gerechtigkeit für Palästina breiter in unseren Kampf für soziale Gerechtigkeit aufgenommen wurde.

Nachdem drei Vorstandsmitglieder des BCRI aus Protest zurücktraten, fordern viele jetzt den Rücktritt des gesamten Vorstands. Würden Sie den Preis noch akzeptieren, wenn die Entscheidung zurückgenommen würde?

Ich erwarte, dass das BCRI nicht nur mich um Entschuldigung bittet, sondern alle, die auf der Seite der Gerechtigkeit stehen und sie für unteilbar halten. Das war nicht nur ein Angriff gegen mich persönlich, sondern gegen eine ganze Generation von Aktivisten, die erkannt haben, wie wichtig Internationalismus ist.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Das Interview ist ein Auszug aus einem Gespräch, das Amy Goodman am 11. Januar 2019 für Democracy Now! mit Angela Davis führte.

Angela Davis ist Bürgerrechtsaktivistin und ehemalige politische Gefangene in den USA.

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