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Aus: Ausgabe vom 26.01.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Geburtstag von Angela Davis

Kämpferin für Gerechtigkeit

Seit Jahrzehnten engagiert sich Angela Davis für eine solidarische Welt. Proteste nach Aberkennung von Bürgerrechtspreis
Von Jürgen Heiser
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Erfolgreiche Kampagne: Die Junge Welt rief 1971 dazu auf, Postkarten an die inhaftierte Angela Davis zu schreiben

Am heutigen Samstag begeht die US-Bürgerrechtsaktivistin Angela Davis ihren 75. Geburtstag. Einige Leserinnen und Leser der jungen Welt werden sich vielleicht noch an den 26. Januar 1971 erinnern, als aus Anlass des 27. Geburtstags der jungen Kommunistin in Berlin, der Hauptstadt der DDR, eine Solidaritätskampagne für die politische Gefangene initiiert wurde. Denn es entsetzte in der DDR viele Menschen, dass die linke Professorin dem damaligen republikanischen Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, ein Dorn im Auge war und für lange Zeit weggesperrt werden sollte.

Deshalb versammelten sich auf Einladung der Freien Deutschen Jugend (FDJ), des Demokratischen Frauenbundes und des Friedensrats der DDR 2.000 Menschen in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz. Im Beisein von Wallace Morgan vom »Free Angela Davis«-Komitee aus den USA begründeten sie die Kampagne, die FDJ und Junge Welt mit der Postkartenaktion »Eine Million Rosen für Angela Davis« erfolgreich starteten. So gelang es, in der DDR Millionen Stimmen zu mobilisieren, die mit Abermillionen Gleichgesinnten in aller Welt – sogar in der BRD – die mutige Angela freikämpften und vor lebenslanger Haft oder Hinrichtung bewahrten.

Für Angela Davis wurde durch die eigene Erfahrung die unverbrüchliche Solidarität mit den Unterdrückten dieser Welt zu einer zentralen Triebfeder ihres politischen Lebens. Als es nun Anfang dieses Jahres zu einem erneuten Angriff auf Davis’ politische Integrität kam, stellten sich sofort wieder viele Menschen hinter sie.

Das Besondere dieser politischen Attacke war, dass ihr ein ursprünglich zugesprochener Menschenrechtspreis wieder weggenommen wurde. Einen wirklichen Grund für seine Entscheidung, sie nicht mehr im Februar 2019 mit dem »Fred Shuttlesworth Human Rights Award« zu ehren, nannte das Birmingham Civil Rights Institute (BCRI) nicht. Man habe »erkannt«, dass sie »dieses Preises doch nicht würdig« sei, so der Vorstand nebulös. Schließlich erfuhr die Geprellte, dass der jahrelange Einsatz unter dem Motto »Gerechtigkeit für Palästina« ihr hinter den Kulissen den Vorwurf eingebracht hatte, »antisemitisch« zu handeln. Gemeint war ihre Kritik an der Besatzungspolitik des Staates Israel.

Erschütternd ist daran für viele, dass der jüngste Angriff gegen die Internationalistin ausgerechnet aus Kreisen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung kam. Schließlich ist Davis in ihrer Geburtsstadt Birmingham mit dieser Bewegung groß geworden, in der auch Reverend Shuttlesworth dafür kämpfte, dass ihr Stadtteil nicht mehr »Dynamite Hill« genannt wird, weil dort die rassistische Terrororganisation Ku-Klux-Klan regelmäßig Bombenattentate verübte. Die Kraft der Bürgerrechtsbewegung machte diesem Spuk schließlich ein Ende. In dieser Tradition steht auch das BCRI, weshalb sich nun viele Aktivisten empört gegen die Politik seines Vorstands wenden. Sie teilen Davis’ Argumente, die 2011 nach einem Besuch in Palästina die Apartheidpolitik Israels in Palästina öffentlich verurteilt hatte. Nicht einmal im rassistischen Alabama ihrer Kindheit seien Schwarze von Hauptstraßen verbannt worden, wie es Palästinensern in Hebron ergehe. »Deshalb«, so Davis, »muss die Welt diese Bedingungen anprangern«.

Angela Davis ist eine unermüdliche Verteidigerin der Menschenrechte, eine führende Bürgerrechtsaktivistin und namhafte Wissenschaftlerin. Sie erfüllt alle Voraussetzungen, den Shuttlesworth-Preis zu erhalten.

Die Rücknahme des Preises durch das BCRI ist ungerecht, beleidigend und besonders deshalb unüberlegt, weil sie sich gegen Professorin Davis’ langjährige Unterstützung für die Menschenrechte der Palästinenser richtet. Die Entscheidung scheint auf der fehlgeleiteten Ansicht zu beruhen, dass die Verteidigung der Menschenrechte für Palästinenser einen Angriff auf die jüdische Gemeinde darstellt.

Als jüdische Organisation, die sich der Gerechtigkeit, Würde und Gleichheit für alle Menschen in Palästina/Israel verpflichtet hat, teilen wir Professorin Davis’ visionären Einsatz für die »Unteilbarkeit der Gerechtigkeit« und die Überzeugung, dass wir alle für die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit für ausnahmslos alle Menschen – auch die Palästinenser – verantwortlich sind.

Professorin Davis hat ihr Leben dem Aktivismus und der Wissenschaft gewidmet und steht damit in Einklang mit Geist und Zweck des ausgelobten Preises. Wir rufen deshalb das BCRI dazu auf, Professorin Davis für ihr Lebenswerk auszuzeichnen.

Jewish Voice for Peace

Petition hier unterzeichnen: kurzlink.de/Petition-­Davis

Übersetzung: Jürgen Heiser

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