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Aus: Ausgabe vom 24.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Droste

Hündchengift

Von Wiglaf Droste
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»Sie wollen, dass ich Ihnen dabei helfe, ein Tier zu ermorden? Sind Sie wahnsinnig?«

Auf dem Berg, der mich auf sich wohnen lässt, waltet eine große Ruhe; nur die im Jalousienkasten nistenden Meisen und mehrere Spechte machen Geräusch, was meinen Frieden aber nicht stört, sondern ihn melodisch und rhythmisch belebt. So hätte es um meinethalben für immer bleiben können, aber das Leben spielt anders; die Nachbarn, die ich als ruhige Vertreter geschätzt hatte, auch weil sie sich nie zum Kennenlernenmüssen aufgedrängt hatten, legten sich einen Hund zu. Es war aber kein richtiger Hund, sondern ein Hündchen, und dieses Hündchen kläffte vom ersten Tage an.

Einmal sah ich es und fragte mich: Heißen diese Bonsai-Tamagochi-Tierchen Chinchillas? Chiwawas? Rehpinscher? Oder, hanseatisch elegant, »Fotzenlecker«? Ich weiß es nicht, es ist unterhalb meines Radars. Ich weiß nur, dass ich diese Handtaschenkeiferer nicht am Ohr haben kann. Es handelt sich bei ihnen nicht um Geschöpfe im Zustand der natürlichen Unschuld, sondern um arme Zuchtkreaturen, grundeigentliche Objekte des Mitgefühls – das sie allerdings durch ihre Lärmabgabe stilllegen.

Stilllegen? Aaaah, das ist es doch! schoss es mir in den Kopf. Ich stieg in den Bus, der in die nächstgrößere Menschenanhäufung fuhr und fand eine Handlung für Tierbedarf. »Kann ich helfen?« fragte ein eilfertiger junger Angestellter. »Danke – und ja, ich hoffe sehr«, gab ich zur Antwort. »Haben Sie Hündchengift in Ihrem Angebot?« Er sah mich an wie ein Auto. »Was wollen Sie? Hühnchengift?«

»Nein, nein, bitte hören Sie«, sprach ich in einem verbindlichen Tonfall, und dann schilderte ich ihm die Sach- und Notlage. Seine Gesichtszüge geronnen zu einer Mischung aus Eis und Empörung. »Sie wollen, dass ich Ihnen dabei helfe, ein Tier zu ermorden? Sind Sie wahnsinnig?« – »Aber ganz gewiss doch«, sagte ich und versuchte ihn zu beruhigen. »Das ist ja in dem Sinne gar kein Tier, und da dachte ich …« Er würgte mich ab und hätte mich, so wie er mich anstarrte, am liebsten erdrosselt. »Raus! Ich rufe die Polizei!« schnauzte er mich an.

Ich sah zu, dass ich Land gewann und fuhr mit dem letzten Bus nach Hause. Das Nachbarshündchen wartete schon. Es kläffte. Ich hatte ihm nichts mitgebracht, und das Kläffen klang irgendwie enttäuscht.

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