Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Februar 2019, Nr. 40
Die junge Welt wird von 2161 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 24.01.2019, Seite 8 / Inland
Medienpolitik

»Unsere Redaktion arbeitet selbständig«

Neue Angriffe gegen den Infokanal RT Deutsch. Der bewirbt sich gerade um eine TV-Sendelizenz. Ein Gespräch mit Iwan Rodionow
Interview: Stefan Huth
D15D0110RL-Konferenz135430.jpg
Iwan Rodionow, Chefredakteur des russischen Nachrichtenkanals RT Deutsch

Jüngst war RT Deutsch wieder einmal Thema in deutschen Medien. Diesmal ging es um die Beantragung einer Sendelizenz für das Fernsehen, die für Aufwallungen sorgte. Was planen Sie denn konkret?

RT steht zu seinem Vorhaben, in Zukunft sein deutschsprachiges Programm auch als Fernsehsender zu verbreiten. Dazu ist RT bereit, alle gesetzlichen Voraussetzungen zu erfüllen, konkret: eine deutsche Rundfunklizenz anzustreben. RT Deutsch bereitet zur Zeit die Einrichtung eines Programmbeirats vor, der die Funktion einer externen Kontrollinstanz ausüben soll. Dieser Schritt ist freiwillig.

Bild-Chefreporter Peter Tiede charakterisierte Ihr Medium als »Feindsender«. Hat diese Wortwahl Sie überrascht?

Ja und nein. Ja, weil eine derart direkte Referenz zum »Dritten Reich« und ein unverhohlener Griff in die Lingua-Tertii-Imperii-Kiste bei einer deutschen Zeitung überraschen muss. Das wirft viele Fragen auf. Etwa danach, in welcher Tradition sich das Blatt sieht, wenn es einen Mitbewerber als »Feindsender« bezeichnet. Historisch gesehen ist das exakt die Linie der Reichspropaganda. Und nein, weil »Feindsender« schließlich nur eine weitere Steigerungsstufe der bisherigen Russland-Hysterie ist, in welcher sich der deutsche Mainstream überbietet. Das liegt gewissermaßen in der Logik der Sache, soweit Hysterie einer Logik folgt. Dass Bild dabei den anderen sprachlich voraus ist, ist an sich auch nicht überraschend. Ob damit alle Steigerungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, will ich nicht mutmaßen. Als nächstes könnte der Begriff »Volksschädling« fallen und ein Aufruf, das »Abhören des Feindsenders« RT Deutsch unter Strafe zu stellen.

In einem Kommentar nannten Sie diese Bezeichnung einen »Ritterschlag«. Was ist daran so ehrenvoll?

Damit wird RT Deutsch in eine historische Reihe mit Sendern wie BBC World Service und Radio Moskau gestellt. Für schätzungsweise 15 Millionen Deutsche im Nazireich waren diese die einzige Alternative zur »Wochenschau« und anderen faschistischen Sendungen. Über sie konnten sie die Wahrheit über Stalingrad, den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte erfahren und über die unvorstellbaren Kriegsverbrechen an der Ostfront. Nur dort konnten sie Thomas Mann, die Texte von Bertolt Brecht und die Stimmen deutscher Kriegsgefangener hören. Das Abhören allein war bereits ein Akt des Widerstands, es erforderte Mut. Wurden sie erwischt oder denunziert, drohte den »Verrätern« die Todesstrafe. In dieser Tradition einer Gegenstimme zur Nazipropaganda zu stehen, ist historisch gesehen natürlich eine Ehre. Aber es wäre mir viel lieber, wenn die Geschichte Geschichte bliebe.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, DJV, sprach RT Deutsch ab, ein journalistisches Informationsmedium zu sein. Den Machern gehe es um »Desinformation«, sie bedienten ein »Propagandainstrument« Moskaus. Wie unabhängig können Sie als staatlich finanziertes Medium sein?

Hinter jedem Medium – ob öffentlich-rechtlich, was de facto quasi-staatlich heißt, oder privat – stehen immer bestimmte Institutionen, Konzerne, Gruppen oder einzelne Personen und Finanziers. Eine Ausnahme bilden crowdfinanzierte Plattformen. Daraus direkt auf Einflussnahme zu schließen bedeutet, praktisch allen Medien pauschal Glaubwürdigkeit abzusprechen. Dabei haben einige der Medienkonzerne wie Axel Springer ziemlich rigide Richtlinien, die klare politische Grenzen für die redaktionelle Politik und die Berichterstattung festlegen. Bei Voice of America zum Beispiel steht die mediale Flankierung US-amerikanischer außenpolitischer Interessen im Statut festgeschrieben.

RT Deutsch ist in seiner redaktionellen Arbeit selbständig, auch wenn uns faktenwidrig das Gegenteil unterstellt wird. Unsere Redaktion ist bereits zweimal von »Spionen« unterwandert worden. Diese konnten allerdings ihrem Auftrag, eine große Enthüllung zu liefern, nicht gerecht werden. Einfach, weil es langweiligerweise nichts zu enthüllen gibt. Ebenso gierig wurde die als »Aussteigerin« präsentierte ehemalige Mitarbeiterin Lea Frings vom NDR-Medienmagazin ZAPP befragt. Auch sie hatte nichts, um richtig auf den Putz zu hauen – außer ihrer persönlichen Meinung, RT Deutsch sei ihr zu rechts. Und hinterher beschwerte sich Lea enttäuscht, der NDR habe ihre Zitate aus dem Kontext gerissen und die Vereinbarungen gebrochen.

RT Deutsch steht dazu, den russischen Standpunkt in weltpolitischen Fragen darzustellen. Ebenso wie Deutsche Welle die deutschen und BBC World die britischen Sichtweisen präsentieren. Wenn das als Abhängigkeit interpretiert wird, dann sind alle Auslandssender gleichermaßen abhängig.

In Springers Bild hieß es u. a., Sie lieferten »Pro-AfD-Storys«. Die Pegida-Umzüge haben Sie eine Zeitlang im Livestream übertragen, der Vorwurf mangelnder Distanz zur Rechten scheint somit nicht ganz unberechtigt.

Ebenso hat RT Deutsch Gegendemonstrationen und Umzüge sich als links definierender Gruppen live gestreamt. Auch unkommentiert. Daraus könnte man mit gleichem Recht mangelnde Distanz gegenüber der Linken herauslesen. Folgerichtig bezeichnet die Epoch Times RT Deutsch als »linksradikal«. Schlimmer noch: Wir übertragen live die Sitzungen des Bundestages. Wenn Umweltschützer, Feministinnen und Kriegsgegner demonstrieren, sind wir ebenfalls dabei, wenn es in einem für die Öffentlichkeit relevanten Maßstab passiert. Wir sind ein Onlinemedium, und Liveübertragungen sind ein wesentlicher Teil unseres Nachrichtenangebots. Und wir trauen dem Zuschauer zu, die Ereignisse selbst einzuordnen.

Auf Beispiele konkreter »Pro-AfD-Stories« bin ich gespannt. Im selben Satz heißt es in Bild, RT Deutsch sei »durch gefakte Stories wie den ›Fall Lisa‹ aufgefallen«. Dieser abgedroschenste und plumpeste Fake über RT Deutsch sagt alles über den gesamten Wahrheitsgehalt aus.

Was entgegnen Sie Kritikern, die monieren, dass RT Deutsch rechte Propagandisten wie Götz Kubi­tschek zu Wort kommen lässt? Immerhin wurzelt der in einem völkischen Milieu, das in der Vergangenheit, gelinde gesagt, nicht durch besondere Sympathie für Russland aufgefallen ist.

Die Frankfurter Allgemeine war bei Kubitschek zu Besuch, und der Spiegel hat Björn Höcke begleitet und ausgiebig porträtiert. Stehen die beiden Medien bei unseren Kritikern auch auf der Liste der Sympathisanten rechter Propaganda? Jemanden zu interviewen heißt nicht, seine Positionen zu teilen. Darüber hinaus gilt: Eine Position, die nicht gesetzwidrig ist, einfach zu ignorieren, weil sie einem nicht passt, ist kein Weg. Den Kopf in den Sand stecken und die Realität verweigern ist keine plausible journalistische Haltung. Erst recht nicht in einer mit sozialen Kanälen durchlöcherten Welt. Ein Beispiel: Nach dem Studiogespräch mit Jürgen Elsässer war unsere Moderatorin mit einer Lawine entrüsteter Kommentare seiner Anhänger konfrontiert. Sie habe ihn respektlos behandelt, hieß es in den harmlosesten. Es findet sich immer jemand, dem unsere Berichterstattung nicht passt – links, rechts, Mitte oder oben.

Wie beurteilen Sie denn die gegenwärtige Rechtsentwicklung in Deutschland?

Ich möchte mir da als ausländischer Journalist kein Urteil anmaßen. Was ich als Beobachter sehe, ist eine mit großer Heftigkeit geführte gesellschaftliche Debatte, in der alle Parteien sich nichts schenken. Was mir große Sorge bereitet, ist, dass die Ursachen für diese Auseinandersetzung oft externen Einflüssen zugeschrieben werden. Es seien obskure äußere Kräfte am Werk, heißt es, die die Gesellschaft spalten wollten. Das ist, zum einen, eine ab­struse Verschwörungstheorie. Zum anderen eine Verkennung der tatsächlichen Ursachen, was ähnlich einer falschen Behandlung die Krankheit nur verschlimmert. Damit werden, zum dritten, absichtlich oder unbewusst, äußere Feindbilder geschaffen, ins öffentliche Bewusstsein gerückt und auf die Politik übertragen. Die Folgen einer solchen Entwicklung können für alle fatal sein.

Iwan Rodionow ist seit November 2014 Chefredakteur des russischen Nachrichtenkanals RT Deutsch (deutsch.rt.com)

Debatte

  • Beitrag von Monika G. aus S. (24. Januar 2019 um 17:32 Uhr)
    Liebe Junge-Welt-Redaktion,

    seit Jahren schon habe ich dieses Onlineabonnement, weil ich die einzige wirklich linke Zeitung in Deutschland auf diese Weise unterstützen will und weil ich froh und glücklich bin über Ihre alternativen Informationen, die man sonst nirgends in den etablierten Medien bekommt, und obwohl ich finde, dass Sie noch viel mehr zur Enthüllung skandalöser und geheimgehaltener Vorgänge in unserer Gesellschaft tun könnten. (Stichworte: NSU, Breitscheidplatz ... Am 14.12.2017 war ich nahe daran, das Abonnement aufzukündigen – Sie wissen, was ich meine!)

    Wie dem auch sei, das vorliegende Interview ist klasse und ein Schritt in die richtige Richtung.

    An dieser Stelle möchte ich noch einmal die Kommentarfunktion ihrer Onlineausgabe anmahnen, sie wurde mir schon mal vor zwei Jahren versprochen. Wo bleibt dieses wichtige Medium des Meinungsaustausches?

    Ich freue mich auf eine Antwort von Ihnen.

    Herzliche Grüße

    Monika Grunert
    • Beitrag von Sebastian Carlens (Redaktion) (28. Januar 2019 um 14:38 Uhr)
      Liebe Monika G.,

      herzlichen Glückwunsch - das ist die Kommentarfunktion, und Sie haben sie erfolgreich benutzt. Empfehlen Sie sie weiter, damit mehr los ist!

      Viele Grüße,
      jW-Onlineredaktion

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Fernsehstudios wie dieses sind das natürliche Biotop der mediale...
    01.09.2016

    Ende der Rechthaber

    Ulrich Teuschs Buch über den Niedergang des »Mainstreams im Mainstream« der Medien
  • Russland hat offenbar von den Fehlern der Sowjetunion gelernt: D...
    08.01.2015

    Putin Paroli bieten

    Geld vom Staat, Propaganda für die Welt: Ein neuer Fremdsprachendienst der Deutschen Welle.

Regio: