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Aus: Ausgabe vom 23.01.2019, Seite 16 / Sport
Handball

Mit brachialer Gewalt

Und »Oh, oh«-Atmosphäre: Zum WM-Halbfinaleinzug der deutschen Handballer
Von Uschi Diesl
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»Einer musste werfen« – Fabian Wiede am Montag

»Hör’ auf, dich zu wehren / Das macht doch keinen Sinn«, sangen am späten Montag abend einige tausend Handballfans in der Kölnarena: »Oh oh, oh oh, oh oh …« Chorisches aus der Popkonserve (Mark Forster, 2016), gar nicht mal unsympathisch, wenn man die Optik mal außer acht ließ. Die Ränge beim vorletzten WM-Hauptrundenspiel der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) quollen über vor Krimskrams in Schwarz-Rot-Gelb, von Häkelmützen bis zu skurrilen Schlag- und Winkelementen. Martialische »Deutschland! Deutschland!«-Rufe sollten die DHB-Auswahl zum Halbfinaleinzug peitschen. Dass dieser vorzeitig möglich war, hatten die Kogastgeber den Brasilianern zu verdanken, die am Abend zuvor überraschend gegen Kroatien gewonnen hatten (29:26).

Die Südamerikaner hatten dem DHB schon in der Vorrunde mit einem Coup gegen Russland einen großen Dienst erwiesen. Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wenn man bedenkt, dass »Tor für Deutschland« in Brasilien nach dem Fußball-WM-Halbfinale von 2014 zur stehenden Redewendung geworden ist. Überdies nahm in Brasilien kaum einer Notiz von den Überraschungserfolgen in der seltsamen Sportart.

Ganz anders hierzulande, wo Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag nach dem glücklichen 22:21 gegen die Kroaten »jetzt freuen wir uns aufs Halbfinale« twitterte, als hätte Sportminister Seehofer den entscheidenden Siebenmeter verwandelt. Großen Anteil am Duselsieg der Gastgeber hatte das Schiedsrichtergespann. Es habe »seinen Job nicht gut gemacht«, sagte der kroatische Nationaltrainer Lino Cervar nach dubiosen Entscheidungen in der hitzigen Schlussphase. »Unser Team hatte heute nicht die gleichen Chancen wie Deutschland.« Dass Kroatien in den letzten Minuten nicht uneinholbar davongezogen war, hatten die Deutschen wiederum ihrem Rückraumspieler Fabian Wiede zu verdanken, der zu Recht zum »Man of the Match« gekürt wurde.

Der Linkshänder von den Füchsen Berlin hatte an diesem Abend Nerven wie Drahtseile. Sekunden vor dem Halbzeitpfiff hatte er den Ball zum psychologisch wichtigen Ausgleich in die Maschen gehämmert. In der 56. Minute führte Kroatien nach vier Toren in Folge mit 20:19. Zeitspiel war angezeigt, als Wiede sich den Ball schnappte und ihn mit brachialer Gewalt in der linken oberen Ecke des gegnerischen Kastens unterbrachte. »Der Arm war oben, einer musste werfen«, bemerkte er später trocken: »Der Trainer sagt immer, wenn Zeitspiel ist, Hauptsache den Ball aufs Tor bringen.«

Sekunden vor dem Abpfiff provozierte der 24jährige schließlich ein kroatisches Stürmerfoul, und Kapitän Uwe Gensheimer nutzte den Ballbesitz zum vorentscheidenden 22:20. »Wenn es richtig eng wird, weiß er genau, was er zu tun hat«, schwärmte DHB-Vizepräsident Bob Hanning als »großer Fan« von Wiede, der »für die großen, wichtigen Spiele geboren« sei. Besonders viele dieser Partien hat der im brandenburgischen Bad Belzig geborene Wiede noch gar nicht bestritten. Er gehörte zum Kader, als Deutschland 2016 Europameister und Olympiadritter wurde, doch dann kostete ihn eine schwere Schulterverletzung die Teilnahme an der WM 2017, und vor der EM 2018 strich ihn Bundestrainer Christian Prokop aus dem endgültigen Aufgebot.

Seit 2012 spielt Wiede bei den Füchsen, Hanning ist deren Geschäftsführer. Vereinskollege Paul Drux weiß, was er an Wiede hat: »Jede Mannschaft braucht so einen Spieler, der die Dinger einfach reinmacht, wenn es um alles geht.«

Im Halbfinale treffen die Deutschen am Freitag in Hamburg – ohne Spielmacher Martin Strobel, der sich am Montag ohne Fremdeinwirkung eine schwere Knieverletzung zuzog – voraussichtlich auf Dänemark oder Norwegen. »Wir nehmen Spiel für Spiel«, sagte Wiede, als die Gesänge am Montag noch nicht verklungen waren. Er ist kein Mann der großen Worte, hält es mit dem Reden wie mit den Torwürfen. Wenn er was sagt, dann sitzt es. Gefragt, ob der Lärm in der Kölnarena ihn aufgeputscht habe, bedankte er sich nicht etwa artig bei den Schwarzrotgoldfans für die Extraportion Testosteron. Es sei sehr wichtig, »klar im Kopf zu bleiben«, beschied er statt dessen aufreizend nüchtern. »Man darf sich von der Atmosphäre nicht beeinträchtigen lassen.«

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