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Aus: Ausgabe vom 23.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Kollektivsubjekt Baum

Siebzehn Arten von Waldsterben: Richard Powers’ Roman »Die Wurzeln des Lebens«
Von Werner Jung
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Alles so schön grün hier: Der Waldgänger, frei nach Ernst Jünger

Sie heißen Douglas, Adam, Ray und Dorothy, und was sie eint, ist ihr Engagement für die bedrohte Natur. Vor allem gegen das völlig irrsinnige Roden der Wälder und die Vernichtung durch den Klimawandel kämpfen die Protagonisten von Richard Powers’ Roman »Die Wurzeln des Lebens«. Dabei greifen sie auch zu militanten Mitteln, und am Ende gehören sie zu den meistgesuchten US-amerikanischen Verbrechern. Und da gibt es noch die Biologin und Dendrologin Patricia, die sich als begnadete Wissenschaftlerin dem Leben der Bäume verschrieben hat. Vor kritischen Bürgern und Umweltschützern hält sie allseits bewunderte Vorträge, deren Kern die wiederkehrende Behauptung von der Kommunikation in der organischen Natur ist: Außenseiter wie sie selbst »waren es«, referiert sie, »die dahinterkamen, dass Samenkörner die Erinnerung an die Jahreszeiten ihrer Kindheit speichern und entsprechend ihre Knospen treiben. Außenseiter merkten, dass Bäume die Anwesenheit anderen Lebens in ihrer Nähe spüren. Dass Bäume lernen, sparsam mit Wasser umzugehen. Dass Bäume ihren Nachwuchs füttern und ihre Mastzeiten synchronisieren und Ressourcen gemeinsam nutzen und Artgenossen warnen und Hilferufe an Wespen schicken, damit sie kommen und sie vor Angreifern schützen«. Parallel dazu arbeitet der querschnittgelähmte Informatiker Neelay an der Perfektionierung von »Virtual reality«-Spielen, welche bedrohte Wälder nachbilden.

Der gigantische Erzählrahmen wird vom Hauptprotagonisten »Baum« zusammengehalten. Er ist das Kollektivsubjekt in einem Text, der zugleich Mahnrede und Manifest ist, in Essayform gegossene Warnung, Utopie und Dystopie gleichermaßen. Damit stellt er sich in eine Reihe ähnlicher Romane, wie etwa auch Annie Proulx’ Erfolgstitel »Aus hartem Holz« (2017), die sich in den letzten Jahren der Umweltproblematik gewidmet haben. Wobei freilich der ehrenwerte Zweck nicht immer alle erzählerischen Mittel heiligt, denn in Powers’ dickleibigem Roman knirscht und knarrt es zuweilen leider gewaltig. Anstelle der Sinnlichkeit treten dann zum Leidwesen der Leser oft papieren trockene Erklärungen: »Siebzehn verschiedene Arten von Waldsterben, alle verschlimmert durch den Klimawandel. Tausende von Quadratmeilen jedes Jahr dadurch verloren, dass sie erschlossen werden. Jahr für Jahr in der Gesamtbilanz einhundert Milliarden Bäume weniger. Die Hälfte der im Wald beheimateten Arten des Planeten werden ausgestorben sein, wenn dieses neue Jahrhundert um ist.«

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 624 Seiten, 26 Euro

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