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Aus: Ausgabe vom 23.01.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Waffengebrauch

Akzeptierte Lebensgefahr

Todesfälle durch Pfefferspray und Taser: Für Politik und Polizei nicht der Rede wert
Von Markus Bernhardt
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Warmmachen: Beamte des Sondereinsatzkommandos üben den Einsatz von Tasern (29.11.2012)

Die Militarisierung der Polizei fordert immer wieder Todesopfer. Am vergangenen Freitag verstarb im rheinland-pfälzischen Pirmasens erneut ein Mann infolge eines Tasereinsatzes durch die Polizei. Der 56jährige, offenbar psychisch erkrankte Mann sollte gegen seinen Willen von den Beamten zu einer ärztlichen Untersuchung gebracht werden. Als er sich dagegen zur Wehr setzte, griffen die zur Elektroschockpistole. Nachdem der Mann kollabiert war und ins Krankenhaus gebracht wurde, verstarb er dort. Laut Obduktionsbericht, über den der SWR am Montag berichtete, soll er einen Herzinfarkt erlitten haben. Erst im vergangenen Oktober war ein 43jähriger Mann in Nürnberg verstorben, der zuvor von der Polizei mit einem Taser beschossen worden war.

Auch der Einsatz durch Pfefferspray fordert immer wieder Todesopfer. Am 12. Januar war ein 36jähriger Mann in Berlin verstorben, der bereits am 27. Dezember Opfer eines polizeilichen Pfeffersprayeinsatzes geworden war. Der Betroffene hatte infolge des Einsatzes des gefährlichen Sprays das Bewusstsein verloren und verstarb.

Obwohl mittlerweile in regelmäßigen und immer kürzeren Abständen nach Pfefferspray- und Tasereinsätzen Menschen zu Tode kommen, weigern sich die Beamten und auch verantwortliche Politiker, die Gefahren für Leib und Leben auch nur zur Kenntnis zu nehmen. In der Vergangenheit hatte es mehrfach Initiativen in Bund und Ländern gegeben, zumindest die Zahl der Todesfälle, zu denen es nach Taser- oder Pfeffersprayeinsätzen kam, statistisch erfassen zu lassen. Dies wurde jedoch immer verweigert. Und der Zusammenhang zwischen den Einsatzmitteln und den Todesfällen wurde stets bestritten. Bürgerrechtsorganisationen sprechen sich klar gegen diese Waffen aus. So hatte etwa die niederländische Sektion von Amnesty International bereits im vergangenen Jahr einen Bericht zum Probelauf des Tasers in den Niederlanden erstellt. Darin widerlegten die Menschenrechtler viele Argumente, die von den Befürwortern auch in Deutschland vorgebracht werden. Außerdem sei bereits das Training für die Beamten »mangelhaft« gewesen. In der nur zwei Tage dauernden Vorbereitung seien »viele Risiken, die selbst vom Hersteller ausführlich vorgebracht werden, kaum behandelt« worden.

Zwar ist der Taser darauf ausgerichtet, vermeintliche Delinquenten auf Distanz zu halten, er wurde in den Niederlanden jedoch in 44 Prozent aller Fälle im sogenannten Drive-stun mode genutzt, monierte Amnesty. Dies bedeutet, dass die Waffe direkt an den menschlichen Körper gehalten und ein andauernder Stromschlag abgegeben wird. »Dieser Modus dient einzig der Schmerzzufügung, um Widerstand zu brechen«, kritisieren die Bürgerrechtler. Sie weisen zudem darauf hin, dass der Taser in 80 Prozent der Fälle gegen Unbewaffnete eingesetzt worden war. Die Erkenntnisse der Organisation stoßen bei den in Deutschland verantwortlichen Politikern und Behörden jedoch nach wie vor auf taube Ohren. So werden Taser im Rahmen der Verschärfungen der Polizeigesetze der Länder aktuell nach und nach in den alltäglichen Gebrauch überführt.

Verschlusssache

In den USA, wo Taser bereits seit längerem benutzt werden, verzeichnete die dortige Sektion von Amnesty International zwischen 2001 und 2017 über 700 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Einsatz der Waffe. Die besagten Elektroschockpistolen verfügen über Metallpfeile, die sich in den Körper bohren und eine Spannung von bis zu 50.000 Volt übertragen. Infolge dessen erlahmt die Muskulatur. Besonders für Menschen, die auf die Einnahme von Psychopharmaka angewiesen sind oder Drogen wie Kokain oder Ecstasy konsumiert haben, kann der Beschuss tödlich enden.

In der als »Verschlusssache« eingestuften Broschüre »Handhabungshinweise für Reizstoffsprühgeräte mit Pfefferspray« des Polizeitechnischen Institutes (PTI) der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster von 2008 wird der Einsatz von Reizgas bewertet. Darin geben die Behörden zu, dass die Gefahr für Betroffene, die unter »Drogeneinfluss stehen und/oder sich zuvor heftig körperlich angestrengt haben« besonders groß sei. Allein das Einatmen des Sprays kann zu schwerer Luftnot führen, was vor allem für Asthmatiker eine überdurchschnittliche Gefahr darstellt. Den Betroffenen droht Blutdruckabfall oder -anstieg sowie eine verringerte oder erhöhte Herzfrequenz und eine damit einhergehende Bewusstlosigkeit. Keineswegs in seiner Gefährlichkeit zu unterschätzen ist unterdessen auch der Sprühstrahl der Spraydosen selbst. Wird man aus nächster Nähe getroffen, kann je nach Abstand und Härtegrad des Sprühstrahls sogar eine Erblindung drohen. (bern)

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