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Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Eine andere Wüste

Was wartet hinter der Grenze? Rodrigue Péguy Takou Ndies Roman »Die Suchenden« über die Hölle der Flucht
Von Gerd Bedszent
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Geplatzter Traum: Statt Sicherheit und Wohlstand finden Geflüchtete in Europa Ablehnung und Gängelung

Es gibt inzwischen mehrere literarische Werke, in denen der gefahrvolle Weg afrikanischer Flüchtlinge nach Europa geschildert wird. Eher selten thematisiert wurden bisher ihr Kampf mit Behördenwillkür sowie die Tristesse und der Stumpfsinn des Lagerdaseins, welche die Mehrzahl von ihnen dann im vermeintlich gelobten Wunderland Europa erwartet. Der aus Kamerun stammende und in Deutschland lebende Schriftsteller Rodrigue Péguy Takou Ndie hat in seinem unlängst in deutscher Übersetzung aus dem Französischen erschienenen dritten Roman »Die Suchenden« die Odyssee eines dieser Migranten beschrieben.

Der namenlose Held des Buches stammt ebenfalls aus Kamerun. Wie viele seiner Altersgenossen sieht er im Aufbruch in Richtung Europa seine einzige Chance, dem herrschenden Kleptokratenregime zu entkommen. Ein eher kurzer Abschnitt des Buches behandelt seinen Weg quer durch die Sahara bis zum Mittelmeer. Der Autor schildert realistisch die Gefahren dieses Weges, etwa in Form krimineller Banden. Diese entlocken Flüchtlingen ihr letztes Geld mit dem Versprechen, sie nach Europa zu bringen, setzen sie dann aber nicht selten einfach in der Wüste aus. Ähnlich drastisch fällt die Schilderung der Verhältnisse in den Anrainerstaaten des Mittelmeeres aus. Der Held übernachtet an Straßenrändern, bettelt oder arbeitet unter sklavereiähnlichen Bedingungen auf Baustellen. Dann erlebt er Überfälle von Grenzbeamten, die die Camps von Flüchtlingen verwüsten und jeden halb totschlagen, der ihnen in die Hände fällt. Schließlich hat er Glück, überwindet den Zaun, der Marokko von Spanien trennt, und gelangt schließlich nach Deutschland.

Der Autor beschreibt allerdings auch die Ernüchterung seines Helden, als er begreift, dass Europa eben nicht so ist, wie er, seine Familie und seine Freunde es sich ausgemalt hatten. Statt Arbeit und Wohlstand zu finden, schlägt ihm Ablehnung entgegen. Er muss begreifen, dass er nicht willkommen ist, ein Opfer legalisierter Feindseligkeit gegen alles »Fremde«. Zurück kann er aber nicht. Der Held erträgt den gnadenlosen Stumpfsinn der deutschen Bürokratie, wird betrogen und ausgenutzt, erlebt aber auch Zuneigung und Solidarität. Nicht wenige seiner Leidensgefährten halten die Willkür der Ämter, die Ungewissheit und das ewige Warten auf einen Bescheid auf Dauer nicht aus, werden psychisch krank oder begehen Selbstmord. Nein, ein glückliches Ende gibt es für den Romanhelden nicht – im Gegenteil. »Sie haben mich vor langer Zeit in ein passives, apathisches, antriebsloses Wesen verwandelt. Mein Dasein hier besteht aus nichts als Anträgen, Lethargie, Dämmerzustand; die Fähigkeit, selbst etwas zustande zu bringen, habe ich verloren, während ich die zum Leben in der Abhängigkeit von Europa und Deutschland erlernt habe.«

Das liest sich ganz anders als die Ergüsse rechter Politiker, die von einer Invasion fremdländischer Heerscharen, »Umvolkung« und dem Niedergang der abendländischen Kultur schwadronieren. Der Autor idealisiert seinen Helden nicht, aber man lernt ihn verstehen. Unter die Haut geht die Schilderung des Alltages in deutschen Flüchtlingslagern: Man merkt deutlich, dass der im politischen Exil lebende Autor viele persönliche Erfahrungen in die Romanhandlung mit hat einfließen lassen.

Ist das Buch nun ein Plädoyer für eine gerechte Weltordnung? Auf jeden Fall ist es ein politischer Roman, der sich eindringlich für die Gleichbehandlung und Integration von Mi­grantinnen und Migranten ausspricht. Und er ist eine Anklage gegen den derzeitigen unmenschlichen Umgang mit Asylsuchenden – als solche sollte er auch gelesen werden.

Rodrigue Péguy Takou Ndie: Die Suchenden. Aus dem Französischen von Inga Frohn unter Mitarbeit von Lena Müller. Unrast-Verlag, Münster 2018, 176 Seiten, 13 Euro

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