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Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Atomausstieg

Flaute auf See

Bundesregierung investiert zu wenig in Offshore-Windparks. Ausbau im Koalitionsvertrag zugesagt, aber nicht gesetzlich geregelt
Von Wolfgang Pomrehn
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Um billiger produzieren zu können, müssen mehr Windräder errichtet werden (Sassnitz, 20.12.2017)

Geht der Ausbau der Windkraftanlagen auf See zu langsam voran? Das ist jedenfalls die Ansicht der Anlagenbauer und -betreiber. Am Montag stellten die Branchenvertreter in Berlin ihre Jahresbilanz vor.

Im vergangenen Jahr sind demnach 136 neue Windkraftanlagen auf See – offshore, das heißt vor der Küste – errichtet worden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind diese Windräder vom Land aus nicht sichtbar, da sie außerhalb der Hoheitsgewässer in der sogenannten ausschließlichen Wirtschaftszone aufgestellt werden. In der vor den deutschen Küsten sehr flachen Nordsee sind die Bedingungen dafür besonders gut, weshalb die meisten Offshore-Windparks dort entstehen.

Allerdings fordert die Branche mehr Engagement von der Bundesregierung. Insbesondere wünschen sich die Vertreter der Anlagenbetreiber vom Bundesverband Windenergie und Bundesverband der Windparkbetreiber Offshore sowie der Fachverband Power Systems im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau und das norddeutsche Unternehmensnetzwerk WAB Sonderausschreibungen, einen zügigen Netzausbau und eine Erhöhung des Ausbauziels. Mit den jetzigen Vorgaben könne das Ziel nicht erreicht werden, bis 2030 den Anteil von Sonne, Wind und Co. auf 65 Prozent der Stromproduktion zu bringen. Das Ziel für den Ausbau auf See müsse auf mindestens 20.000 Megawatt (MW) bis 2030 und 30.000 MW bis 2035 erhöht werden. Mit anderen Worten: Der Ausbau soll etwas schneller als in den vergangenen Jahren laufen. Zum Jahresende 2018 war auf See eine Windkraftleistung von 6.380 MW installiert. Nach einem kurzen Boom im Jahre 2015, als rund 2.200 MW ans Netz gingen, sind in den vergangenen drei Jahren nur noch jährlich jeweils rund 1.000 MW neu hinzugekommen.

Noch sieht es so aus, als werde in den nächsten Jahren dieses Tempo gehalten. Anlagen mit einer Leistung von 276 MW – das entspricht einem der kleineren Kohlekraftwerke aus den 70er Jahren – stehen bereits und warten nur noch auf den Netzanschluss. Außerdem befinden sich nach Verbandsangaben Projekte mit 966 MW im Bau. Für weitere 112 MW liegt die finale Investitionsentscheidung vor. Damit würden bis 2020 voraussichtlich Anlagen mit einer Leistung von 7.700 MW vor den Küsten stehen. Doch danach wird sich der Ausbau nach dem jetzigen Stand verzögern. Bisher sind in den Ausschreibungen, über die die Vergabe inzwischen läuft, nur für weitere 3.100 MW Zuschläge erteilt worden. Die kapitalintensiven Projekte haben einen sehr langen Vorlauf, weshalb diese Anlagen erst in den Jahren 2021 bis 2025 ans Netz gehen. Bleibt es dabei, wird sich der Ausbau verlangsamen, und eventuell droht zur Mitte des Jahrzehnts sogar ein regelrechtes Auftragsloch. Bis September 2021 ist nämlich keine weitere reguläre Ausschreibung vorgesehen.

Dabei warnen die Hersteller bereits seit mehreren Jahren, dass die Ausbauzahlen auf Dauer zu niedrig sind, um kostengünstig produzieren und die nötige industrielle Infrastruktur aufrecht erhalten zu können. Vor der Presse in Berlin klagten sie am Montag, dass bereits eine Abwanderung von Fachkräften ins Ausland zu verzeichnen sei. In manchen Ländern, vor allem in Großbritannien, geht der Ausbau auf See zügiger voran. Aus diesem Grunde forderten die Branchenvertreter am Montag erneut, dass die Bundesregierung Sonderausschreibungen für Offshore-Windparks organisieren solle. Diese seien im Koalitionsvertrag zugesagt, doch im kürzlich verabschiedeten Energiesammelgesetz nicht zu finden. Dabei seien noch Übertragungskapazitäten an den Konvertern auf See frei. Die Verbände forderten daher, möglichst noch im ersten Quartal 2019 eine Ausschreibung für 1.500 MW Offshore-Leistung auszuloben. Ein Festhalten am Status quo gefährde hingegen Arbeitsplätze.

Auf die Ausschreibungen können sich nur Projekte bewerben, die bereits die notwendigen Genehmigungen besitzen. Den Zuschlag bekommen jene Projekte, die den Strom zum geringsten Vergütungssatz anbieten. 2017 ging das Gros der Zuschläge an einen Betreiber, der ganz auf garantierte Vergütung verzichten und den Strom am Markt verkaufen will. 2018 wurden Projekte bezuschlagt, die für ihren Strom durchschnittlich 4,66 Cent pro Kilowattstunde bekommen werden. Zum Vergleich: Strom aus einem neu errichteten Kohlekraftwerk muss für etwa acht Cent pro Kilowattstunde verkauft werden, damit kostendeckend gewirtschaftet werden kann.

Offshore-Windkraftanlagen haben 2018 11,26 Milliarden Kilowattstunden erzeugt. Das entsprach knapp der Stromproduktion des AKW Isar 2. Dieses war im vergangenen Jahr Deutschlands produktivstes Atomkraftwerk und soll Ende 2022 vom Netz gehen. Im Vergleich zur Solarenergie oder den an Land stehenden Windkraftanlagen ist der Offshore-Anteil aber noch immer klein. Insgesamt hatten alle erneuerbaren Energieträger 2018 knapp 219 Milliarden Kilowattstunden erzeugt. Das waren rund 38 Prozent der Brutto- bzw. etwas mehr als 40 Prozent der Nettoproduktion wenn man den nicht unerheblichen Eigenbedarf der Atom- und Kohlekraftwerke abzieht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Olaf Göbel: Die großen vier Bei den Offshore-Windparks verdienen letztendlich doch wieder nur die großen vier (Eon, RWE, Vattenfall, ENBW), da nur diese Konzerne genügend Kapital haben, das nötige Geld aufzubringen, um diese kap...

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