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Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 8 / Feuilleton
»Eine Salve Gegenkultur«

»Wenn gar nichts ins Wanken gerät, ist es langweilig«

Zeit für Gegenkultur: Melodie & Rhythmus feiert Neustart am Freitag in Berlin. Gespräch mit Maike Rosa Vogel
Interview: Jan Greve
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Maike Rosa Vogel mit ihrer Gitarre auf der Bühne

Am Freitag wird der Neustart des Kulturmagazins Melodie & Rhythmus mit einer Veranstaltung in Berlin gefeiert. Die Überschrift für den Abend lautet: »Eine Salve Gegenkultur«. Würden Sie von Ihrer Musik sagen, dass sie Ausdruck von Gegenkultur ist?

Ja, auf jeden Fall. Schon der Sound ist das Gegenteil von dem, was man sonst so hört. Es ist weniger Gegenkultur aus dem Gefühl heraus, gegen etwas zu sein, sondern eher in dem Sinne, dass ich das mache, was aus meiner Sicht das Richtige ist. Das, was gemacht werden muss. Und das ist wiederum im Moment total gegenläufig zu dem, was sonst passiert.

Neben dem Sound sind aber auch Ihre Texte kein ganz unerheblicher Teil Ihrer Lieder.

Klar, die sind auch wichtig. Seitdem ich Musik mache, wundere ich mich, wie schnell man zum Teil der Gegenkultur erklärt wird. Als ich angefangen habe, hatte ich das Gefühl, mich recht konform in dem zu bewegen, was ich kannte und mochte. Wahrscheinlich war das damals aber schon eine Nische. Sobald man dann noch etwas Eigenes auf die Sache draufsetzt, ist man eigentlich schon Gegenkultur. Gerade in Deutschland muss man nur einen emotionalen, authentischen Text schreiben oder ein politisches Thema anfassen.

Wie lebt es sich mit diesem Label?

Ich habe erst einmal nichts dagegen, weil ich es für wichtig erachte, dass es Gegenkultur gibt. Ich mag es nur nicht, wenn eine solche zum Selbstzweck verkommt, wenn es um ein bloßes Dagegen geht. Aus meiner Sicht muss es immer auch um etwas Kons­truktives und Positives gehen.

Wodurch haben Sie sich politisiert?

Ich komme aus einer sehr politischen Familie, aus einem von 68ern geprägten Umfeld in Frankfurt am Main. Wir haben immer unheimlich viel über die Dinge geredet, die in der Welt passieren. Dabei muss man sich automatisch positionieren. Kinder machen das häufig schnell und auch radikal. Wenn man ihnen heute etwa vom Klimawandel erzählt, würden viele sagen: Hört sofort mit dem Fliegen und Autofahren auf und schaltet Kohlekraftwerke ab. So war das bei uns auch. Ich weiß noch, wie ich meine Eltern damals gefragt habe, warum man nicht einfach alle Waffen abschafft. Die Antwort war, es sei alles viel komplizierter, als ich es mir vorstellen kann. Ich habe dann gedacht: Das muss aber so einfach sein. Diese Sichtweise beizubehalten, habe ich mir selber versprochen: Daran zu glauben, dass es einfach sein kann und dass Verkomplizierungen einem den klaren Blick auf die Dinge nehmen können.

In der aktuellen M&R-Ausgabe wird ein Manifest für Gegenkultur vorgestellt. Darin geht es unter anderem um ein Verständnis von »Kunst und Kultur, die bestrebt ist, sich ein konkretes Bild von den Verhältnissen zu machen«. Nehmen Sie das für sich in Anspruch?

Zum einen das, zum anderen auch, auf Widersprüche hinzuweisen. Ich fange an, Texte zu schreiben, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas verdreht dargestellt wird. Das war zum Beispiel bei meinem Lied »Faule Menschen« der Fall. Dabei ging es mir darum, dass nicht die faul sind, die keine Arbeit oder keinen Platz in der Gesellschaft finden, sondern die, die alles immer weiter so machen, wie sie es gelernt haben, und nichts hinterfragen. Nicht die, die Gerechtigkeit fordern, sind anmaßend, sondern die, die seit Ewigkeiten Ungerechtigkeiten betreiben. In politischen Diskussionen werden solche Dinge oft verdreht.

Muss Kultur in heutigen Zeiten politisch sein oder kann sie sich den Luxus leisten, sich auf pure Unterhaltung zurückzuziehen?

Jeder kann machen, was er will. Für mich ist Kunst politisch, selbst wenn sie nicht explizit so gemeint ist. Etwa, wenn sie Dinge in Frage stellt. Es muss sicher nicht alles in Gänze gesellschaftskritisch sein. Aber wenn gar nichts ins Wanken gerät, ist es langweilig. Reine Unterhaltung geht schon – aber dann kann man auch Fernsehen gucken.

Maike Rosa Vogel ist Liedermacherin

Die junge Welt verlost dreimal zwei Freikarten für die Veranstaltung am Freitag, 25. Januar, 19.30 Uhr, im Maschinenhaus der Kulturbrauerei in Berlin. Bitte eine E-Mail mit dem Betreff »Maike Rosa Vogel« an aktion@jungewelt.de senden. Einsendeschluss: 24. Januar, 18 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

melodieundrhythmus.com/eine-salve-gegenkultur

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