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Aus: Ausgabe vom 21.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Aus einem nahen fernen Land

Nanae Aoyamas Erzählungsband »Bruchstücke« zeichnet ein Bild des ­gegenwärtigen Japans
Von Michael Streitberg
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Der große Abwesende: Japanische Väter werden ihren Familien oft durch rigide Arbeitsrhythmen entfremdet

»Mein Vater, von weitem nicht mehr als ein Wattestäbchen, winkte mir zu« – dem Mann, mit dem die junge Studentin Kiriko auf Geheiß ihrer Mutter an einem Sommertag aufs Land fahren soll, hätte sie bis zu jenem Tag auch bei näherer Betrachtung keine besonderen menschlichen Eigenschaften zugeschrieben.

Jahre zuvor hatte sie versucht, nicht nur den »Vater«, sondern den »Menschen Tadao Endo« zu betrachten. Spätestens in dem Moment, als dieser sich einmal erfolglos mit ihrem älteren Bruder prügelte, gab sie jedoch auf: »Ich spürte, wie das Interesse an meinem Vater zusammen mit der Restfeuchte auf meiner Haut verdampfte.«

Im Laufe des Ausflugs, auf den Kiriko sich nur widerwillig begibt, entdeckt sie jedoch nach und nach unbekannte Seiten an dem Mann, mit dem sie kaum Erinnerungen verbindet. Als ihr Vater für die mitreisenden Frauen Kirschen pflückt oder einer alten Dame nach einem Sturz zu Hilfe eilt, entwickelt »Tadao Endo« für seine Tochter überhaupt erst eine Art von Subjektivität: »Es war, als könnte ein Haustier plötzlich sprechen«. Der tätige, geradezu agile Vater, der plötzlich hinter der passiven, stummen Figur hervortritt, jagt ihr beinahe einen Schrecken ein.

Das Thema, das die 1982 geborene Autorin Nanae Aoyama in der titelgebenden Geschichte ihres im Frühjahr 2018 in deutscher Übersetzung erschienenen Erzählungsbands »Bruchstücke« behandelt, ist nicht neu. Mittels einer bilderreichen, dabei niemals überladenen und bisweilen kühl daherkommenden Sprache gelingt es ihr dennoch, vermeintlich Bekanntes auf eine unbekannte Weise zu beschreiben. Scheinbar beiläufig vermag es die Autorin, Gedanken und Gefühlen, die sich kaum artikulieren lassen, Ausdruck zu verleihen.

Bereits 2006 wurde Aoyama für ihren Roman »Eigenwetter« der Akutagawa-Preis, Japans wichtigste literarische Auszeichnung, verliehen. »Wer das Japan von heute lesen will, muss Aoyama lesen!« heißt es auf dem Klappentext von »Bruchstücke«. Tatsächlich vermitteln die drei Erzählungen ein vielschichtiges Bild des Alltags, des Liebes- und Beziehungslebens junger Menschen in Japan. Nicht wenige der Erfahrungen, von denen die Autorin erzählt, sind auf gewisse Weise universell. »Bruchstücke« setzt sich jedoch auch unweigerlich mit dem noch heute dominierenden japanische Familienmodell auseinander. In diesem nimmt der Vater, in einem Hamsterrad aus Überstunden und spätabendlichen Pflichtbesäufnissen mit Arbeitskollegen gefangen, häufig die Rolle des großen Abwesenden ein – um die Kinder kümmert sich derweil die Frau.

Solche gesellschaftlich-politischen Fragen werden in den Erzählungen jedoch nur angedeutet. Die Fokussierung auf die persönliche Erfahrung, in der sich die ganze Welt widerspiegelt, teilt die Autorin freilich mit dem Gros der jungen Schriftsteller in Deutschland. Aoyamas psychologisches Gespür und die unaufdringliche Intensität ihrer Sprache bewahren das Werk aber davor, in die Untiefen zeitgenössischer Selbstbeschau-Literatur abzugleiten.

Insbesondere die zweite Erzählung, »Farinas Zimmer«, brennt sich ins Gedächtnis ein. Ihr Protagonist, ein Mann von schätzungsweise Ende 20, reflektiert anlässlich seiner bevorstehenden Heirat die vier Jahre zuvor beendete Beziehung zu seiner Exfreundin. Noch immer wohnen beide im selben Apartmentgebäude, auch wenn sie sich kaum über den Weg laufen. Während die Hochzeit immer näher rückt, wird die fast schon vergessen geglaubte Beziehung mit Farina, der geheimnisvollen, verbissen dreinblickenden Frau mit dem schnellen Gang und den hochhackigen Schuhen, plötzlich wieder präsent. »Farinas Zimmer« erzählt davon, wie Menschen, denen man einmal nahestand, in der eigenen Vorstellung immer weiterleben – auch dann, wenn sie scheinbar schon weit weg sind. Wie auch in »Bruchstücke« beschreibt Aoyama zudem die Unmöglichkeit, einen anderen Menschen völlig zu begreifen.

Der Erzählband ist ein Beispiel großer Erzählkunst – wozu auch eine äußerst gelungene Übersetzung von Katja Busson und Frieder Lommatzsch beiträgt. Aoyamas Werk fügt sich passend ins Repertoire des Cass-Verlags ein, der sich auf herausragende, zeitgenössische Literatur aus Japan spezialisiert hat. Im Programm findet sich mit Kobayashi Takijis »Das Fa­brikschiff« (»Kanikosen«) jedoch auch ein Klassiker der proletarischen Literaturbewegung (siehe junge Welt vom 8.12.2017). Wer sich nach der Lektüre der ruhig erzählten »Bruchstücke« einmal richtig durchschütteln lassen will, sollte außerdem zur hinreißend komischen Loserballade »Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden« von Ko Machida greifen. Das abgefuckt wirkende Japan, durch das der Punkliterat Machida seine Protagonisten streifen lässt, wirkt wie eine Gegenwelt zum Erzählkosmos des weltweit beliebten Bestsellerautors Haruki Murakami. Murakami scheut das Abgründige nicht, doch wirkt sein Japan mitunter wie eine Welt der stylishen Jazzbars, der Markenartikel und der durchtrainierten, gesunden Männer Anfang dreißig. All jene Werke nebeneinander, hintereinander oder durcheinander zu lesen sorgt nicht nur für Erkenntnisgewinn und Vergnügen – man kommt so einem Verständnis ihres Herkunftslandes auch einen bedeutenden Schritt näher.

Nanae Aoyama: Bruchstücke. Aus dem Japanischen von Katja Busson und Frieder Lommatzsch. Cass-Verlag, Löhne 2018, 157 Seiten, 17 Euro

Dies.: Eigenwetter. Aus dem Japanischen von Katja Busson. Cass-Verlag, Löhne 2015, 155 Seiten, 17 Euro

Protokoll eines Autorengesprächs mit Nanae Aoyama auf dem Blog Tanuki Republic. Blätter für japanische Populärkultur: http://tanukirepublic.net/2018/08/26/nanae-aoyama-­taeglich-durch-den-tunnel/

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