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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Bestialität der »Arbeiterleutnants«

Vor der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar 1919 begann Lenin, einen »Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas« zu verfassen. Nach dem Mord beendete er ihn
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Die Bourgeoisie nutzt einen Teil des »Extraprofits zur Korruption einer bestimmten Oberschicht des Proletariats, um sie in ein reformistisches, opportunistisches Kleinbürgertum zu verwandeln, das vor der Revolution Angst hat« (Lenin-Denkmal in der russischen Stadt ­Podolsk)

Die drei Richtungen im internationalen Sozialismus, von denen seit 1915 in der bolschewistischen Presse unablässig gesprochen wird, zeigen sich uns heute im Lichte der blutigen Kämpfe und des Bürgerkriegs in Deutschland mit besonderer Klarheit.

Karl Liebknecht, dieser Name ist den Arbeitern aller Länder bekannt. Überall, und besonders in den Ententeländern, ist dieser Name zum Symbol der Ergebenheit eines Führers für die Interessen des Proletariats, der Treue zur sozialistischen Revolution geworden. (…)

Gegen Liebknecht sind (Philipp) Scheidemann (1865–1939, rechter SPD-Politiker, jW), (Albert) Südekum (1871–1944, nationalistischer SPD-Politiker, jW) und die ganze Bande der verabscheuungswürdigen Lakaien des Kaisers und der Bourgeoisie. (…) Das ist jene dünne Oberschicht der von der Bourgeoisie korrumpierten Arbeiter, die wir Bolschewiki (…) »Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung« nannten und die von den Besten der Sozialisten Amerikas äußerst prägnant und zutreffend als »Labor lieutenants of the capitalist class«, »Arbeiterleutnants der Kapitalistenklasse«, bezeichnet werden. Das ist der neueste, moderne Typus sozialistischer Verräterei, denn in allen zivilisierten, fortgeschrittenen Ländern plündert die Bourgeoisie – sei es auf dem Wege kolonialer Unterdrückung oder indem sie aus formal unabhängigen schwachen Völkern finanziellen »Nutzen« zieht – eine Bevölkerung aus, die die Bevölkerung des »eigenen« Landes zahlenmäßig um ein Vielfaches übertrifft. Hieraus ergibt sich für die imperialistische Bourgeoisie die ökonomische Möglichkeit zur Erzielung von »Extraprofiten« und zur Verwendung eines Teils dieses Extraprofits zur Korruption einer bestimmten Oberschicht des Proletariats, um sie in ein reformistisches, opportunistisches Kleinbürgertum zu verwandeln, das vor der Revolution Angst hat.

Zwischen den Spartakusleuten und den Scheidemännern stehen die schwankenden, charakterlosen »Kautskyaner«, die Gesinnungsgenossen (Karl) Kautskys (1854–1938, Philosoph und sozialdemokratischer Politiker, jW), die sich »Unabhängige« nennen, in Wirklichkeit aber völlig, auf der ganzen Linie heute von der Bourgeoisie und den Scheidemännern, morgen von den Spartakusleuten abhängig sind und teils den ersteren, teils den letzteren Gefolgschaft leisten, Menschen ohne Gesinnung, ohne Charakter, ohne Politik, ohne Ehre und Gewissen, die lebendige Verkörperung philiströser Zerfahrenheit, die sich in Worten zur sozialistischen Revolution bekennen, in Wirklichkeit aber unfähig sind, diese, als sie begonnen hat, zu begreifen und auf Renegatenart die »Demokratie« überhaupt, das heißt in Wirklichkeit die bürgerliche Demokratie, verteidigen. (…)

***

Obige Zeilen waren noch vor dem bestialischen und niederträchtigen Meuchelmord geschrieben, den die Regierung Ebert/Scheidemann an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verübt hat. Diese Henkersknechte, diese Lakaien der Bourgeoisie, haben es den deutschen Weißgardisten, den Kettenhunden des geheiligten kapitalistischen Eigentums ermöglicht, Rosa Luxemburg zu lynchen und Karl Liebknecht hinterrücks zu ermorden, wobei sie sich des offensichtlich erlogenen Vorwands bedienten, er sei »auf der Flucht« erschossen worden (als der russische Zarismus die Revolution von 1905 im Blut erstickte, griff er oft zu derartigen Mordtaten unter demselben erlogenen Vorwand, die Häftlinge wären »auf der Flucht« erschossen worden), und zugleich deckten diese Henker die Weißgardisten durch die Autorität einer angeblich gänzlich schuldlosen, angeblich über den Klassen stehenden Regierung! Man findet keine Worte für die ganze Abscheulichkeit und Niedertracht dieser Henkertaten der Pseudosozialisten. Die Geschichte hat offenbar einen Weg gewählt, auf dem die Rolle der »Arbeiterleutnants der Kapitalistenklasse« die »äußerste Grenze« der Bestialität, Schändlichkeit und Niedertracht erreichen soll. Mögen die Kautskyaner, diese Narren, in ihrer Zeitung Die Freiheit nur immer von einem »Gericht« schwätzen, dem Vertreter »aller« »sozialistischen« Parteien (die Scheidemann, die Henker, werden von diesen Lakaienseelen weiterhin Sozialisten genannt) angehören sollen! Diese Helden philiströsen Stumpfsinns und kleinbürgerlicher Feigheit begreifen nicht einmal, dass das Gericht ein Organ der Staatsmacht ist und dass der Kampf und der Bürgerkrieg in Deutschland eben darum gehen, in wessen Händen diese Macht liegen soll: in den Händen der Bourgeoisie, die die Scheidemann als Henker und Pogromhelden und die Kautsky als Barden der »reinen Demokratie« »bedienen« werden, oder in den Händen des Proletariats, das die kapitalistischen Ausbeuter stürzen und ihren Widerstand brechen wird.

Wladimir Iljitsch Lenin: Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas. Prawda Nr. 16, 24. Januar 1919. Hier zitiert nach Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 28. Dietz-Verlag, Berlin 1968, Seiten 444–447

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