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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 8 / Ansichten

Standesorganisation DGB

Misere der Gewerkschaftsbewegung
Von Nico Popp
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Hilfe kommt von oben: Reiner Hoffmann beim DGB-Bundeskongress in Berlin (16.5.2018)

Einen führenden Gewerkschaftsfunktionär, der Tarifverträge mit dem Argument empfiehlt, sie würden die »Binnenkonjunktur« stärken und »den Staat« von Verteilungskonflikten zwischen Kapital und Arbeit »entlasten« – so etwas gibt es vermutlich wirklich nur in Deutschland. Bei der »Neujahrspressekonferenz« des DGB am Freitag in Berlin war Reiner Hoffmann wieder in Hochform: Wenn es – und einiges spricht dafür – das Ziel seiner Betätigung als Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist, dessen lange angebahnte Verwandlung aus einer reformistischen Klassen- in eine in jeglicher Hinsicht integrierte Standesorganisation abzuschließen, dann sind wieder ein paar Schritte auf dem Weg dahin zurückgelegt worden.

Seinen Einsatz für eine Neuauflage der »großen Koalition« vor einem Jahr findet Hoffmann immer noch völlig in Ordnung, die »Sozialpartnerschaft in Deutschland« nannte er gestern einmal mehr »ein Erfolgsmodell«. Kritik am Gang der Dinge bringt er präzise nur an den Stellen vor, an denen die gewerkschaftlichen Angebote zum politischen und sozialen Komanagement nicht akzeptiert werden – und zwar ausschließlich in der Form von Appellen an Staat und »Arbeitgeber«.

Überraschend ist das nicht. Der Sprecher einer Standesorganisation ruft natürlich nicht dazu auf, für eigene Interessen zu kämpfen. Er macht Vorschläge, mit denen Fortschritt und Fortbestand eines Gemeinwesens befördert werden können, an dem – in seiner Einbildung – alle interessiert sind: Der DGB will 2019 »Demokratie, Europa und sozialen Zusammenhalt stärken«. Der Anteil der tarifgebundenen Betriebe liegt im Westen nur noch bei 27 und im Osten bei 18 Prozent? Nicht gut für die Binnenkonjunktur. »Europa« gerät durch »eine zunehmende Spaltung aus den Fugen«? Das ist dem DGB eine »Europakampagne« wert, »um die Menschen am 26. Mai zum Wählen zu motivieren«. Schließlich war die EU mal ein »Wohlstands- und Friedensversprechen«.

Und für diesen spektakulär verkehrten Reim auf die Dinge legt sich der DGB-Chef nun auch jenseits der Landesgrenzen in die Riemen. Am Freitag überraschte die Londoner Times ihre Leser mit einer großformatigen Anzeige, in der die Briten aufgefordert werden, doch bitte in der EU zu bleiben oder irgendwann wieder zurückzukommen: »Unsere Tür wird immer offenbleiben.« Unterschrieben haben den Aufruf die Parteivorsitzenden von CDU, SPD und Grünen, die Chefs von BDI, BDA und DIHK, die Vorstandsvorsitzenden von Daimler und Airbus und eben – Reiner Hoffmann. »Das ist eine schiefe Ebene, auf der es kein Halt mehr gibt«, hatte Rosa Luxemburg 1913 ihren Genossen zugerufen, als die ihren Abmarsch zur Nation vorbereiteten. Vielleicht ist jetzt mal ein Aufprall fällig.

Es ist kein Geheimnis, dass der DGB eine schwache Dachorganisation ist und die eigentlichen Machtzentren der Gewerkschaftsbewegung die Vorstände der Einzelgewerkschaften sind. Aber das entschuldigt Hoffmann nicht. Man kann auch als Frühstücksdirektor mit einer Firma Bankrott machen.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (19. Januar 2019 um 06:49 Uhr)
    In der Theorie ist natürlich eine starke Dachorganisation wunderbar, die Kräfte bündelt, Aktionen koordiniert und Erfahrungen austauscht. In Praxis habe ich aber den DGB schon in den 1970ern erlebt, als unbeweglichen bürokratischen Apparat, als inhaltliches Anhängsel der SPD-Sozialpartnerschaftspolitik, aber keinesfalls als konsequenter Interessensvertreter, der seine Möglichkeiten nutzt. Man saß letzlich immer im Bremserhäuschen, statt aufs Gaspedal zu drücken, wenn es nötig gewesen wäre. Aber wenigsten hatten manche Häuptlinge verbal noch einen Hauch von proletarischem Stallgeruch.
    • Beitrag von Iris S. aus F. (19. Januar 2019 um 10:53 Uhr)
      Es gibt im DGB natürlich noch fortschrittliche Kräfte - diese bleiben jedoch meist im Ehrenamtlichen Bereich, da sie ansonsten hinaus geputscht werden. Dennoch ist es unsere Aufgabe, so viel wie möglich zu verändern, anstatt sich vom (leider aktuell) einzigen nennenswerten Organisator der Arbeiterklasse abzuwenden.
  • Beitrag von Thomas P. aus B. (19. Januar 2019 um 22:58 Uhr)
    Nico Popp sollte auch erwähnen, dass Reiner Hoffmann Vorstandsmitglied der Atllantikbrücke ist.

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