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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 8 / Inland
Starkes Zeichen von LL-Demo

»Mir sind alle Linken recht, die die Systemfrage stellen«

Von wegen unpolitisch: Viele junge Menschen beteiligten sich an Luxemburg-Liebknecht-Demo. Ein Gespräch mit Stefan Natke
Interview: Markus Bernhardt
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Demonstranten erinnern in Berlin an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor 100 Jahren (13.1.2019)

An der diesjährigen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, die am vergangenen Sonntag in Berlin stattfand, haben laut Organisationsteam mehr als 15.000 Menschen teilgenommen. Sind Sie zufrieden?

Absolut. Ich glaube sogar, dass es eher noch mehr waren. Besonders beeindruckt hat mich, dass überdurchschnittlich viele junge Linke an der traditionellen Demonstration teilgenommen haben und viele von ihnen unter Bannern mit Hammer und Sichel gelaufen sind. Immer mehr Menschen scheinen zu erkennen, dass es so, wie es ist, nicht bleiben kann – und dass man politisch durchaus etwas erreichen kann, wenn man sich zusammenschließt.

Also trifft die oft zu hörende Meinung, junge Leute seien unpolitisch, aus Ihrer Sicht nicht zu?

In dieser Pauschalität sowieso nicht. In meiner Wahrnehmung engagieren sich immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene zum Beispiel für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten oder etwa für Umweltschutz. Bei der LL-Demo haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer keine kleineren oder größeren Korrekturen am bestehenden System gefordert, sondern deutlich und lautstark einen Systemwechsel.

Wir als DKP hatten übrigens überlegt, die Demonstration wieder auf ihre traditionelle Route zu verlegen, so dass sie am Leninplatz, dem heutigen Platz der Vereinten Nationen, begonnen hätte. Allein der aufgrund der hohen Beteiligung mangelnde Platz am Frankfurter Tor hätte dafür gesprochen. Mal schauen, wie wir das im nächsten Jahr lösen.

Die Menschen in den verschiedenen Demonstrationsblöcken dürften höchst unterschiedliche Vorstellungen von Kommunismus haben, welche sich in nicht unwesentlichen Fragen widersprechen. Ist das nicht ein Problem?

Das mag sein. Aber trotzdem ist es doch erst einmal ermutigend, dass sie sich mit den herrschenden Zuständen nicht abfinden und sich auf verschiedene sozialistische Klassiker beziehen. Man sollte die Hürden nicht zu hoch hängen und Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wie genau man zum Sozialismus kommt, nicht überbewerten. Aktuell geht es doch vor allem darum, das herrschende System von Krieg und Ausbeutung zu bekämpfen. Da sind mir alle Linken recht, die die Systemfrage stellen. Mit dieser Position bin ich meines Erachtens auch nicht alleine.

Hat Sie nicht verwundert, dass einige junge Menschen fast 30 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung DDR-Fahnen trugen?

Nein, warum sollte es? Die DDR war das beste politische System, welches jemals auf deutschem Boden existierte. Im Gegensatz zur BRD ging von ihr niemals ein Krieg aus. Außerdem hatte man in der DDR verstanden, dass der Frieden mit Russland unabdingbar ist. Alleine das sind wichtige Werte an sich.

Was können linke Aktivistinnen und Aktivisten heutzutage von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht lernen?

Die Radikalität, mit der die beiden Arbeiterführer für ihre Positionen gestritten und gekämpft haben, dürfte für viele Menschen heute vorbildhaft sein. Es geht darum, den Kampf gegen Militarisierung und Krieg mit der sozialen Frage zusammenzudenken, so wie es auch die beiden KPD-Begründer getan haben. Nach dem Demonstrationswochenende, aber auch nach der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt bin ich guter Dinge, dass es der Linken gelingen kann, ihren Einfluss wieder auszubauen. Trotzdem liegt noch sehr viel Arbeit vor uns, um wieder schlagkräftig agieren zu können.

Für die etablierte Politik und die Mehrheit der Medien ist die LL-Demo eine Provokation. Wie gehen Sie mit dieser Ablehnung um?

Sie interessiert mich nicht. Dass das herrschende System auf einem aggressiven Antikommunismus fußt, ist kein Geheimnis. Dass Politik und Medien schäumen, wenn die Menschen sich zunehmend wieder für Systemalternativen interessieren, begrüße ich. Je mehr die Herrschenden zetern und toben, desto erfolgreicher sind wir.

Stefan Natke ist Mitglied des Sprecherrats des Landesvorstandes der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und engagiert sich im Organisationsteam der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration

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