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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 4 / Inland
Vertane Chance vor Terroranschlag

Unheimlicher Mitbewohner

Wie ein syrischer Flüchtling frühzeitig vor Anis Amri warnte
Von Claudia Wangerin
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Polizei und Rettungswagen am Tatort des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016

Gerade nach Deutschland geflüchtet, bekam der Syrer Mohamed J. in der Unterkunft für Asylsuchende im nordrhein-westfälischen Emmerich einen Dschihad-Agitator als Mitbewohner: Anis Amri. Der Tunesier habe damals von seinen Zimmergenossen wissen wollen, warum sie hier in Deutschland seien, statt am »heiligen Krieg« teilzunehmen, sagte der heute 26jährige J. am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Der junge Syrer hatte im Herbst 2015 einen der frühesten Warnhinweise auf den Mann geliefert, der mehr als ein Jahr später als Lkw-Attentäter identifiziert wurde. Mit Hilfe eines befreundeten Dolmetschers hatte J. nach eigener Aussage den Leiter der Unterkunft informiert, in der er einen Monat lang das Zimmer mit Amri teilte. »Ich habe erwartet, dass er die Polizei alarmieren würde«, sagte J. vor dem Ausschuss.

Doch Polizeibeamte vernahmen den Hinweisgeber erst nach dem Anschlag vom 19. Dezember 2016, wie er auf mehrmalige Nachfrage betonte. Der Heimleiter habe 2015 erklärt, die Polizei könne da nichts unternehmen. Bei einer Anhörung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Sommer 2016 hatte J. erstmals das Gefühl, mit diesem Thema auf offene Ohren zu stoßen: Mehr als zwei Stunden lang sei es dort fast nur um Amri gegangen. Auch damals hätten die Sicherheitsbehörden noch Monate Zeit gehabt, den mutmaßlichen Dschihadisten zu stoppen, bevor bei dem Anschlag zwölf Menschen starben.

Amri hatte sich in Emmerich nach Aussage des Syrers unter seinem richtigen Namen vorgestellt, obwohl er in Nordrhein-Westfalen als »Mohammed Hassa« registriert war und mit weiteren Aliasnamen durch Deutschland reiste. In der Unterkunft nervte er schon nach wenigen Tagen, indem er den Lebenswandel seiner Mitbewohner bemängelte – zum Beispiel mit der Behauptung, der wahre Islam verbiete es, Musik zu hören und Kontakt zu »Ungläubigen« zu pflegen. Am Tag des Jüngsten Gerichts würden sie dafür zur Rechenschaft gezogen. Dann sah J. immer mehr Anzeichen dafür, dass Amri nicht auf das Jüngste Gericht warten, sondern selbst »Ungläubige« bestrafen wollte. Mehrfach habe er Amri auch beim Videochat mit bewaffneten Dschihadisten beobachtet, sagte J. am Donnerstag im Zeugenstand. Auf dem Display des Mobiltelefons habe er bei verschiedenen Gelegenheiten insgesamt vier bis fünf solcher »Mudschaheddin« gesehen. Die Männer mit dem wirren Haar und den Kalaschnikows befanden sich nach seiner Schilderung offenbar in Syrien. Sie hätten aber denselben Dialekt wie Amri gesprochen. Demnach stammten sie aus Maghreb-Staaten. Bei Amri habe er außerdem einen Aufkleber mit dem Emblem des »Islamischen Staates« (IS) entdeckt. Auf J. wirkte der Tunesier wie jemand, der einer Gehirnwäsche unterzogen worden sei. Aus dessen eigener Sicht soll das natürlich anders gewesen sein: Er habe im Knast in Italien »Glück im Unglück« gehabt und dort Leute getroffen, die ihm »den richtigen Weg« gezeigt hätten, zitierte der Zeuge Amri, der in dem südeuropäischen Land wegen Körperverletzung, Brandstiftung und Diebstahls zu vier Jahren Haft verurteilt worden war. Demnach war Amri erst in Europa vom Kleinkriminellen zum radikalen Islamisten geworden. Allerdings soll er laut J. den Islam nach eigenem Gutdünken so ausgelegt haben, dass er weiterhin klauen durfte, wenn er es nur bei »Ungläubigen« tat. Unklar blieb, ob Amri seine Zimmergenossen schon als solche oder noch als nachlässige Muslime betrachtete. Mohamed J. bekam jedenfalls nach eigener Aussage keinen Diebstahl in diesem Kreis mit. Er selbst gehe nur an besonderen Feiertagen in die Moschee – etwa zum Fastenbrechen oder zum Opferfest, sagte er auf Nachfrage. »Wenn ich Gott anbeten will, dann brauche ich nicht extra in die Moschee zu gehen. Das kann ich alleine machen.«

Mysteriös blieb auch, ob – und wenn ja, wen – Amri nach islamischem Recht in Berlin geheiratet hatte. Als er J. nach dem Auszug aus der Unterkunft noch einmal begegnete, soll er ihm von einer in der Hauptstadt geschlossenen Ehe mit einer Asylbewerberin erzählt haben – allerdings ohne zu sagen, in welcher Moschee sie getraut worden seien. Ob Amri, der am 23. Dezember 2016 in Italien von der Polizei erschossen wurde, sich diese Frau nur ausgedacht hatte, ist offiziell nicht ermittelt.

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