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Aus: Ausgabe vom 18.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Seefahrt

Werft sitzt auf dem Trockenen

Im philippinischen Subic Bay wurde einst das weltgrößte Containerschiff produziert. Arbeiter bangen nach Insolvenz um ihre Zukunft
Von Thomas Berger
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Da hat es noch Wasser unterm Kiel: Ein Schiff der Hanjin-Flotte vor der US-Küste Kaliforniens (8.9.2016)

Es ist bald ein Jahr her: Am 25. Januar 2018 war der Riese vom Stapel gelaufen. Sogar der Präsident der Phillipinen, Rodrigo Duterte, war erschienen, um die Fertigstellung der »CMA CGM Antoine de Saint-Exupery« zu feiern. Mit 20.600 TEU (Containereinheiten) ist der auf der Hanjin-Werft im philippinischen Subic Bay gebaute Gigant das bisher größte Frachtschiff weltweit: 400 Meter lang und 59 Meter breit. Mit 33 Metern Tiefgang setzt die Saint-Exupery zweifellos einen neuen Maßstab. Duterte lobte die Firma aus dem besonderen Anlass, »eine vitale Rolle in unserer maritimen Industrie« zu spielen.

In Subic Bay lag einst ein Außenposten der US-Marine, bevor die Philippinen die enge militärische Kooperation mit der ehemaligen Kolonialmacht aufkündigten und zivile Nachnutzung auch in der Bucht westlich der Hauptstadt Manila Einzug hielt. Heute ist dort niemand zum Feiern zumute. Ganz im Gegenteil. Denn der Werftbetreiber Hanjin hat Insolvenz angemeldet – trotz Krediten in Höhe von 400 Millionen Dollar philippinischer Banken. Hinzu kommen weitere 900 Millionen, mit denen man bei Geldgebern in Südkorea in der Kreide steht.

Vom Glanz und Gloria noch gar nicht lang vergangener Zeiten ist auf der Werft nichts mehr zu sehen. Geradezu totenstill ruhen viele Bereiche, und 30.000 Familien aus Subic Bay und Umgebung bangen um ihre wirtschaftliche Zukunft. So viele hatten insgesamt ihr Auskommen im Unternehmen nach dem Gipfelpunkt der Erfolgsserie, zu der auch ein Stapellauf im Jahr 2013 zählt.

Bereits am 26. November hatte die Hanjin-Führung 7.000 Mitarbeiter entlassen, nachdem zuvor im Oktober bereits 1.000 bisherige Beschäftigte über Subunternehmer »vorübergehend« freigesetzt wurden – das letzte große Warnsignal, das die drohende Katastrophe für jeden sichtbar machte und verdeutlichte, wie schlimm es hinter der Fassade aussieht. Mindestens 3.000 weitere Stellen, heißt es, könnten nun im März gestrichen werden. Und viele der lokalen Tochterfirmen und Subunternehmer der Werft in Subic Bay haben, wie Asian Core Incorporated, schon komplett dichtgemacht. Ihr Chefmanager Yongchui An reichte am 26. November, dem Tag des ersten Entlassungsschubs bei Hanjin, gegenüber der staatlichen Arbeitsbehörde DOLE seine Schließungsmitteilung ein.

Es sind solche Puzzleteile, die zusammengenommen illustrieren, wie gering die Hoffnung ist, dass sich an der grundlegenden Situation so schnell etwas ändern könnte. Neue Aufträge sind nicht in Sicht, so dass momentan völlig unklar ist, wie es weitergehen soll. Der philippinische Gewerkschaftsbund TUCP hat am 14. Januar die Arbeitsbehörde aufgefordert, einen Notmaßnahmenplan zu erarbeiten, um die gravierendsten Folgen für die Beschäftigten abzufangen. »Es könnte ein nationales ökonomisches und Sicherheitsdesaster für das Land werden, wenn wir nur still abwarten und nichts tun«, wurde Gewerkschaftspräsident Raymond Mendoza in der Tageszeitung National Inquirer mit einem eindringlichen Appell an die verantwortlichen Stellen zitiert.

Mit der Insolvenz der Hanjin Heavy Industries and Construction Philippines rundet sich derzeit die düstere Geschichte, die im Grunde schon eine Weile in diesem Verlauf absehbar war. Der südkoreanische Mutterkonzern nämlich, 1937 als erste Schiffbaufirma des ostasiatischen Landes gegründet, war bereits vor rund drei Jahren in akute finanzielle Schieflage geraten. Im April 2016 beantragte die Chefetage bei den wichtigsten Gläubigern eine Umschuldung. Ende August dann musste vor einem Gericht in Seoul Gläubigerschutz beantragt werden, und im Februar 2017 wurde Hanjin von den südkoreanischen Behörden offiziell für bankrott erklärt. Dass der philippinische Ableger des einstigen Riesen allein nicht überlebensfähig ist, wie einige da noch gehofft haben mochten, zeigt sich nun in aller Deutlichkeit. Die Gewerkschaften fordern, dass die ausstehenden Forderungen der auf der Straße sitzenden oder offiziell noch zum Nichtstun verdammten Angestellten des Werftbetreibers vor denen der Banken Vorrang eingeräumt werden solle, wird Leody de Guzman, ein weiterer Interessenvertreter der Werftarbeiter, in den Medien zitiert. Ohne einen solchen Schritt, so die Befürchtung, würde eine Abwicklung dieses bisher noch zeitweise lebendigen Teils der großen »Leiche« Hanjin zu Lasten derer gehen, die bisher beim Bau der AMS Saint-Exupery und anderen Großaufträgen rund um die Uhr und ohne Schonung ihrer Gesundheit geschuftet haben, heißt es in einer Stellungnahme der gewerkschaftlichen Gruppe Samahan ng mga Manggagawa. Allein bis Dezember 2016 waren durch unzureichende Sicherheitsmaßnahmen bei Unfällen 38 Werftarbeiter ums Leben gekommen.

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