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Aus: Ausgabe vom 18.01.2019, Seite 8 / Ansichten

Sanktionsregimevertreter des Tages: Christian Lindner

Von Kristian Stemmler
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Geht nicht »zum Aldi«: Christian Lindner

Talkshows im TV erfüllen heute die Funktion, die im alten Rom der Circus Maximus hatte. Schaukämpfe unterhalten das Volk, und ab und an wird ein Todgeweihter am Nasenring durch die Manege geführt, um anschließend von Löwen zerrissen zu werden. Bei Sandra Maischberger übernahmen am Mittwochabend wie üblich Berufspolitiker die Rolle der Löwen, zum Fraß vorgeworfen wurden ihnen Hartz-IV-Bezieher.

Der Anlass für das pseudopolitische Spektakel war die Verhandlung zur Zulässigkeit der Hartz-IV-Sanktionen vor dem Bundesverfassungsgericht. Grünen-Chef Robert Habeck vertrat den Raubtierkapitalismus nur mangelhaft, erwies sich als zahm, kritisierte pauschale Urteile über »Leistungsempfänger«. Aber die Redaktion hatte ja noch den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner eingeladen, der keine Beißhemmung kennt.

Einen Hartz-IV-Bezieher, der sanktioniert wurde, weil er eine Maßnahme des Jobcenters abgebrochen hatte, fauchte der Liberale an, das Problem liege wohl bei ihm, er müsse »endlich mal etwas durchhalten«. Zur Idee eines Grundeinkommens fiel Lindner ein, man könne den Leuten nicht sagen: »Du bekommst hier 1.000 Euro überwiesen, wir lassen dich in Ruhe, setz dich auf die Couch, geh zum Aldi, guck RTL 2

Solche Klischees hört man seit Jahren. Aber es überrascht immer wieder, mit welcher Chuzpe sich Berufspolitiker, denen nie der rauhe Wind des Überlebenskampfs ins Gesicht wehte, über den Alltag von Hartz-IV-Beziehern äußern. Zur Einordnung: Lehrersohn Christian Lindner trat bereits mit 16 Jahren in die FDP ein. Nach seinem Studium war er nie etwas anderes als Politiker, mal abgesehen von Aktivitäten als Unternehmensberater und Reserveoffizier. Was weiß der Mann vom Leben und wo hat er jemals wirklich etwas geleistet? Nichts und nirgendwo. Und das muss er eigentlich auch nicht. FDP-Chef wird, wer verstanden hat, dass man den Pöbel noch nicht mal in Ruhe »RTL 2 gucken« lassen darf.

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