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Aus: Ausgabe vom 18.01.2019, Seite 6 / Ausland
Israel/Syrien

Versuchter Regime-Change

Israel: 2.000 Bomben auf Syrien im vergangenen Jahr. Scheidender Generalstabschef gibt Kriegsbeteiligung zu
Von Wiebke Diehl
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Israelische Soldaten in der Nähe von Kuneitra auf den Golanhöhen im Oktober 2018

Kurz bevor der scheidende israelische Generalstabschef Gadi Eizenkot am Sonntag das Amt in einer offiziellen Zeremonie an seinen Nachfolger Aviv Kochavi übergab, sagte er in einem Interview mit der britischen Wochenzeitung The Sunday Times, Israel habe syrische »Rebellen mit leichten Waffen zum Zweck der Selbstverteidigung« ausgerüstet. Es ist zwar seit langem bekannt, dass die israelische Regierung und Armee extremistische Gruppen jahrelang unterstützt und sich mit ihnen koordiniert haben: Nach offiziellen israelischen Angaben wurden im Rahmen des erst im Herbst 2018 aufgrund der Rückeroberung des Golans durch die syrische Armee eingestellten Projekts »gute Nachbarschaft« über zehntausend Verletzte aus Syrien in israelischen Krankenhäusern behandelt und wieder zurückgeschickt – viele davon Kämpfer. Darüber hinaus hat die israelische Armee erklärt, in den vergangenen Jahren 350.000 Tonnen Kleidung, 630 Zelte und 26.000 Boxen mit medizinischen Gütern in die von der bewaffneten Opposition kontrollierten Gebiete geliefert zu haben. Zeitgleich arbeitete sie an der Einrichtung einer über den israelisch besetzten Teil des Golan hinaus 40 Kilometer weit in syrisches Territorium reichenden »Pufferzone«. Eizenkot aber ist der erste israelische Offizielle, der auch die Ausstattung der Kämpfer mit Waffen offen zugibt.

Ebenfalls in The Sunday Times, aber auch in einem zweiten Interview mit der New York Times betonte Eizenkot, Israel müsse alle seine Anstrengungen auf den »tödlichsten Feind«, den Iran, konzentrieren und weniger etwa auf die Hamas im Gazastreifen. Er gab offen zu, seit Beginn des Krieges in Syrien immer wieder Luftangriffe auf für die Hisbollah bestimmte Waffentransporte in dem Land geflogen zu haben, zu denen sich Israel öffentlich nie bekannt hatte. Nach einem von ihm initiierten Regierungsbeschluss vom Januar 2017 seien Ziele in Syrien fast täglich angegriffen worden, allein im Jahr 2018 habe die israelische Armee 2.000 Bomben auf Syrien abgeworfen, bestätigt Eizenkot das längst offene Geheimnis, dass sich die deutlich verstärkten Angriffe inzwischen auch gegen syrische Einrichtungen und iranische Kräfte richten und immer wieder Opfer unter der Zivilbevölkerung zur Folge haben. Auch der israelische Premier Benjamin Netanjahu brach am Sonntag während einer Kabinettssitzung sein jahrelanges Schweigen und erklärte, Israel habe iranische Waffendepots in Syrien angegriffen.

Die neue Offenheit ausgerechnet nach der Ankündigung Washingtons, die US-Truppen aus Syrien abziehen zu wollen, überrascht nicht. Die israelische Regierung hat immer wieder betont, eine iranische Präsenz an ihrer Grenze ebenso wenig akzeptieren zu wollen wie eine Stationierung von Kämpfern der Hisbollah. Zwar hat Russland bislang dafür gesorgt, die Erzfeinde Israels von der Grenze fernzuhalten, eigentlich aber will Tel Aviv sie ganz aus dem Nachbarland vertrieben sehen. Sollte der Abzug der US-amerikanischen Truppen tatsächlich vollzogen werden, wird die israelische Armee möglicherweise ihre Angriffe auf das Nachbarland weiter intensivieren und ihr »Engagement« in Syrien vielleicht auch qualitativ auszuweiten versuchen.

Dazu passt, dass der 1964 geborene Aviv Kochavi genau wie sein Vorgänger als Falke gilt. Er diente unter anderem als Befehlshaber des Nordkommandos unter Gadi Eizenkot, während dieser die »Dahija-Doktrin« entwickelte, die er nach den schiitischen, während des Libanon-Kriegs 2006 dem Erdboden gleichgemachten Vororten Beiruts benannte. Eizenkot instruierte damals die israelischen Soldaten, »unverhältnismäßige« Gewalt anzuwenden und die zivile Infrastruktur zu zerstören. Er bezeichnete die maximale Erhöhung des Leidens der Zivilbevölkerung als einzige Möglichkeit, Hassan Nasrallah, den Generalsekretär der Hisbollah, »zu bändigen«, und kündigte an, jeden Ort anzugreifen, von dem aus Israel beschossen werde. Davon, dass Kochavi die konfrontative Strategie seines Vorgängers vor allem gegenüber dem Iran und der Hisbollah fortführen und dabei auch einen weiteren Krieg in Kauf nehmen wird, muss ausgegangen werden.

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