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Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Novemberrevolution

Dann stand man in dieser Blase

Mit Brettchen, Röhre, Vortragsgysi: Berlin erinnerte an die vor hundert Jahren ermordete Rosa Luxemburg
Von Peter Wawerzinek
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»Das glaubt einem niemand«: Kaugummiblasen im Themenwinter

Mein Fazit vorneweg: Es war ein bisschen wie Märchenstunde am Dienstag abend auf dem Berliner Breitscheidplatz im umgebauten Bauwagen. Setzt euch hin, wartet ab, gleich kommt der Onkel Gysi und liest etwas vor. Der Veranstaltungsort sollte an Straßenblockaden von 1918/19 erinnern. Ein historischer Möbelwagen war für den »Themenwinter 100 Jahre Revolution« aufwendig umgebaut worden, sein Anblick aus der Ferne leicht gewöhnungsbedürftig. Aus ihm quollen vorne und hinten große durchsichtige Kaugummiblasen. Das muss man gesehen haben, das glaubt einem niemand. Die kleinere dieser beiden Blasen war der Eingang. Tja, und da stand man dann in dieser Blase und überlegte, wie dieser Wagen früher ausgesehen haben und genutzt worden sein könnte, kriegte das Bild aber nicht richtig zusammen.

Du guckst nämlich zuerst in eine Röhre, die ist mit Zellophan ausgelegt. Zu der Röhre hinauf führen Stufen, die nach oben hin breiter werden und irgendwie gebogen sind – schwieriger Einstieg, man weist dich darauf hin. Die Röhre selbst erinnert an den Terminal einer interplanetarischen Weltraumstation, nur ohne all die Kabel, Leitungen und technischen Raffinessen. Hier steht zuerst mal ein alter Schrank, eine Art klobiges Vertiko, daneben ein Küchenstuhl von anno dunnemal und ein Stehtischchen. Auf ihm stehen eine riesige Wasserkanne plus Wasserschale, wie ich sie noch bei meiner Großmutter Maria Standke vorfand. Da hatte die ihr Zimmerchen freigemacht und war nach gegenüber umgezogen. Ich brachte ihr jeden Tag Wasser, dass sie sich waschen konnte. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um die Revolution vor hundert Jahren, und die wird in dem Bauwagen sanft illuminiert. Niedlich anzusehen. So mit vorstehenden Brettchen und darauf alten Telefonen. Nimmst du einen Hörer ans Ohr, spricht eine Stimme zu dir. Es gibt dazu Geräusche wie im Radiostück. Und über den Apparaten sind hinter der kondomähnlichen Folie Hüte aufgereiht, die zu schwarzweißen Bildern von damals passen. Also wenn es zum Beispiel am Telefon um einen Bahnbeamten geht, ist seine Kopfbedeckung dort angebracht. Kinderleicht alles, viel zu leicht verständlich, man fühlt sich reichlich unterfordert.

Am hinteren Ende der Röhre steht links noch ein altes Grammophon mit silbrigem Knopf. Drückt man drauf, schnauzt eine Männerstimme irgendwas von »Es lebe die deutsche Republik«. Genug in die Röhre geguckt, hinaus in die Hauptblase. In ihr soll man Platz nehmen auf riesigen roten Ringen, die wie Rettungsringe aussehen. Bequem geht anders. Ich starre, bis der Vortragsgysi erscheint, auf Tisch, Mikrofonständer, Glas und Wasserflasche mit »100 Jahre Revolution«-Etikett.

»Nun wird’s aber eher muckelig«, sagt eine junge Frau, die zum Team der Veranstalter gehört. So langsam kommen Leute, und die Blase füllt sich. Dann gibt es eine heftige Blasenbewegung, und die bebende Hülle haut die schöne Wasserflasche vom Stehtisch. Man bekommt die Splitter gerade so weggeräumt, dann ist er auch schon da, Star Gregor, und redet von Karl und Rosa und darüber, dass Marx ein großer Mann war, aber noch keine Uni in Deutschland seinen Namen trägt.

Später liest er aus einem Gefängnisbrief von Rosa, in dem sie schreibt, dass sie überhaupt nicht für einengende Mauern gemacht ist mit ihrer Liebe zu den Rüstern (Ulmen) und dem Rasenrechteck im Hof für den täglichen Gang drumherum. Von Kleeblättern berichtet sie ausführlich, die morgens, mit Tau geschmückt, mattblau schimmern. Sie pflückt sie, bindet Sträußchen für die Wärterinnen. Die sind erst pikiert, pflücken dann heimlich selbst ein paar Kleechen zusammen. An der Stelle »lass uns leise werden« fällt das Mikrofon aus. Was noch zu sagen ist über dünne Raupen, dicke Spinnen, Fliegen, die im Gegenlicht der Sonne mit ihren Flügeln Beifall klatschen, geschieht also im normalen Raumton. Dann schüttelt der Vortragskünstler ein paar Hände und geht zu seinem schwarzen Dienstwagen. Er müsse nach Marzahn zum nächsten Termin, unterrichtet er sein spärliches Publikum.

Die ganze Zeit sind Menschen um unsere Blase gelaufen. Sie trugen auf ihren Rücken rötlich leuchtende Riesenbananen und gehörten zum »Event« der »Kulturprojekte Berlin«. Ich hätte mich auf einen Balken setzen und in Werken von Rosa lesen können, wäre samt Leselampe und anderen Lesern an festen Stricken zum Landwehrkanal gezogen worden. »Ein Gang für Rosa« war der Titel des Spektakels. Es nieselte fies. Aber an dem Gestell für Leser waren schöne, große, halbrunde und durchsichtige Regenschirme angebracht.

Regio:

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