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Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 7 / Ausland
Winter in Nahost

Syriens Kinder in Not

UNICEF: Kälte, Sanktionen und mangelhafte Versorgung bedrohen Zehntausende
Von Rüdiger Göbel
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Syrische Jungen in einem Flüchtlingslager nahe Idlib (4.12.2018)

Extremes Winterwetter in den Alpen sorgt seit Tagen für Schlagzeilen und Sondersendungen, Berichte über eingeschneite Urlaubsorte, gesperrte Skipisten und durch Lawinen verschüttete Snowboarder wecken Mitgefühl und Entsetzen. Fernab der Kameras sind im durch den Krieg zerstörten Syrien Zehntausende Kinder durch extreme Kälte und mangelhafte medizinische Versorgung bedroht.

Wie das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, am Dienstag berichtete, sind im Flüchtlingslager Rukban an der Grenze zu Jordanien in den vergangenen vier Wochen mindestens acht Kinder gestorben. Die meisten von ihnen waren jünger als vier Monate. Auf der Flucht im Osten Syrien starben sieben Jungen und Mädchen, die meisten jünger als ein Jahr.

Ohne zuverlässige Gesundheitsversorgung, Schutz und Unterkunft werden nach Angaben des UNICEF-Regionaldirektors für den Mittleren Osten und Nordafrika, Geert Cappelaere, täglich mehr Kinder ums Leben kommen. Im 21. Jahrhundert gebe es dafür keine Entschuldigung. »Die Geschichte wird uns nach diesen völlig vermeidbaren Todesfällen richten.«

Schutzsuchende aus umkämpften Gebieten im ostsyrischen Hadschin-Gebiet müssen oft tagelang in der Kälte ausharren, ohne Unterkunft und Grundversorgung, zitierte die Katholische Nachrichtenagentur am Dienstag aus dem UNICEF-Report. In Rukban sollen 80 Prozente der rund 45.000 Einwohner Frauen und Kinder sein. Die schwierige Lage für Schwangere und Gebärende sowie für Neugeborene werde durch Frost und schlechte Gesundheitsversorgung verschärft. Das Kinderhilfswerk appelliert an alle Konfliktseiten, Familien einen sicheren Durchgang aus der Schusslinie zu ermöglichen und den Zugang zu lebensrettender medizinischer Hilfe zu erleichtern.

Für das Leid in Syrien sind die Europäische Union und die USA mit ihrer Regime-Change-Politik mitverantwortlich: Der dem Land seit acht Jahren aufgezwungene Krieg plus Wirtschaftssanktionen haben das syrische Gesundheitssystem schwer getroffen. Darauf verweist die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Ärzteorganisation IPPNW in ihrer gerade erschienenen Publikation »Der Syrien-Krieg: Dimension – Hintergründe – Perspektiven«. Mehr als elf Millionen Menschen in Syrien haben demnach keinen Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung. Aufgrund von fehlendem Trinkwasser und zerstörten Kanalisationssystemen gebe es Hygieneprobleme. Die Ärzteorganisation beklagt: »Die einst gut und weitgehend staatlich finanzierte Gesundheitsversorgung in Syrien leidet nicht nur unter dem Krieg, sondern auch unter den seit 2011 von der EU und den USA verhängten und ständig verschärften wirtschaftlichen Strafmaßnahmen.«

Eine Studie der UN-Kommission für Wirtschaft und Soziales in Westasien über die »Humanitären Folgen der einseitigen wirtschaftlichen Strafmaßnahmen« gegen Syrien wird als internes UN-Dokument der Öffentlichkeit vorenthalten. Wenig Wunder, ist darin laut IPPNW doch die Rede von den »kompliziertesten und weitreichendsten Sanktionsmaßnahmen, die jemals verhängt wurden«. Jeder einzelne Syrer sei betroffen, Regierung und Nichtregierungsorganisationen würden in der Ausübung ihrer humanitären Verpflichtungen behindert. Auch der UN-Sonderermittler für die humanitären Folgen der Sanktionen gegen Syrien, Idriss Dschasari, kritisiert in einem Bericht von September 2018, dass humanitäre Hilfe in Syrien aufgrund der Sanktionen erschwert werde. Das Sanktionsregime verkompliziere, verlangsame oder verhindere den Handel mit wichtigen Gütern oder den Bezug von Finanzierungen. Er verlangte ein Ende oder zumindest eine Neufassung der Strafmaßnahmen. Für die IPPNW geht dagegen kein Weg an einer Aufhebung der Wirtschaftssanktionen vorbei.

IPPNW-Broschüre online: kurzlink.de/ippnw-syrien

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