Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Februar 2019, Nr. 40
Die junge Welt wird von 2161 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 7 / Ausland
Türkei/USA

Erdogans Truppen unerwünscht

Washington und Ankara offenbar einig über türkische Besetzung Nordsyriens. Kurden kündigen Widerstand an
Von Nick Brauns
Syria_Looking_East_59917732.jpg
Ein kurdischer Kämpfer während der Patrouille in Manbidsch in Nordsyrien (März 2018)

Vertreter der syrischen Kurden wehren sich vehement gegen Pläne für eine »Sicherheitszone«, die von der Türkei kontrolliert würde. Die Idee einer solchen 20 Meilen (32 Kilometer) tiefen Pufferzone hatte US-Präsident Donald Trump am Sonntag über den Kurznachrichtendienst Twitter verkündet. Dabei hatte der US-Präsident weder angegeben, wo genau diese Zone verlaufen, noch, wer sie durchsetzen solle. In westlichen Medien ging der Vorschlag daher auch weitgehend unter. Berichtet wurde statt dessen über den ersten Teil von Trumps Tweet, in der er der Türkei »wirtschaftliche Zerstörung« androhte, sollte diese den Kurden in Syrien etwas antun.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigte sich zwar »traurig« über Trumps Drohung, erkannte aber das dahinter stehende Angebot und griff umgehend zum Telefonhörer. Anschließend sprach Erdogan am Dienstag vor Abgeordneten seiner regierenden AK-Partei in Ankara von einem »extrem positiven« Telefonat mit Trump, in dem eine »historische« Vereinbarung geschlossen worden sei. Der US-Präsident habe den Abzug der Truppen aus Nordsyrien bekräftigt und zugestimmt, dass dort eine Sicherheitszone von der Türkei umgesetzt werden solle, behauptete Erdogan. Washington hat ein solches Abkommen bislang nicht bestätigt.

Die syrischen Kurden sind indessen alarmiert: Eine 32 Kilometer tiefe und nach Angaben von Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin 460 Kilometer lange Pufferzone würde fast alle größeren Städten des nordsyrischen Selbstverwaltungsgebietes wie Derik, Kamischli, Amude und Kobani umfassen – und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG, die von Ankara als Terroristen bezeichnet werden aber bislang von den USA im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) unterstützt wurden, müssten sich zurückziehen.

»Wir werden eine Sicherheitszone unter der Kontrolle des türkischen Staates nicht akzeptieren«, erklärte Aldar Khalil, der diplomatische Sprecher der in den nordsyrischen Autonomiegremien dominierenden »Bewegung für eine demokratische Gesellschaft« (Tev-Dem), am Dienstag gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur ANF. »Wir haben Washington mitgeteilt, dass wir lediglich einer Sicherheitszone unter Kontrolle der Vereinten Nationen und der internationalen Anti-IS-Koalition zustimmen werden.« Die Türkei sei eine Gefahr für die gesamte Region, sagte Khalil und warnte mit Blick auf bereits türkisch besetzte syrische Gebiete wie Dscharabulus und Afrin vor Plänen, weitere ehemals osmanische Territorien annektieren zu wollen. Entscheidend sei der innersyrische Dialog, bekräftigte Khalil. Seit mehreren Wochen laufen in Moskau und auf dem russischen Militärstützpunkt Hmeimim in Syrien Gespräche zwischen der Autonomieverwaltung Nord- und Ostsyriens und der syrischen Regierung. Der zentrale Streitpunkt dürfte die Frage der Anerkennung der Autonomieverwaltung durch Damaskus sein.

Die Syrien-Strategie der USA habe sich nicht geändert, meint Bese Hozat, die Kovorsitzende des Dachverbandes »Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans« (KCK), der die kurdische Freiheitsbewegung in der Türkei, Syrien, dem Iran und Irak umfasst. Der Kampf gegen den IS sei für die USA ein passender Vorwand gewesen, um in Syrien zu intervenieren, analysierte Hozat in einem Interview mit ANF. »Seit dem ersten Tag der US-Intervention in Syrien war es die erklärte Absicht der USA, den revolutionären Charakter der Rojava-Revolution zu schwächen, die Revolution unter ihre Kontrolle zu bringen und Syrien gemäß der eigenen Interessen neu zu gestalten.« Da die USA nach dem absehbaren Sieg über den IS ihren Verbleib in Syrien nicht mehr legitimieren könnten, würden sie nun Veränderungen in ihren taktischen Beziehungen vornehmen und »verstärkt versuchen, Syrien mithilfe der Türkei neu zu ordnen«. Diesem Ziel dienten die von der Türkei organisierten islamistischen Gruppierungen. Der syrische Al-Qaida-Ableger Haiat Tahrir Al-Scham, der in den letzten Tagen die vollständige Kontrolle über die nordwestsyrische Provinz Idlib übernommen hat, erklärte bereits seine Unterstützung für eine türkische Offensive gegen die YPG in Nordsyrien.

Ähnliche:

  • Besatzungstruppen in Syrien: Türkischer Panzer in der Nähe der S...
    28.12.2018

    Dunkle Wolken über Rojava

    US-Präsident Trump gibt Türkei grünes Licht für Einmarsch in Nordsyrien. Kurden bemühen sich um Abkommen mit Moskau und Damaskus
  • US-Präsident Donald Trump (l.), der türkische Staatschef Recep T...
    21.12.2018

    Geschenk für Erdogan

    US-Präsident Trump kündigt Truppenabzug aus Syrien an. Türkischer Einmarsch im Norden des Landes befürchtet
  • Kundgebung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am 13...
    18.01.2018

    Vor der Invasion

    Türkei plant Offensive gegen nordsyrischen Kanton Afrin. Kurden befürchten großen Krieg

Mehr aus: Ausland