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Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 6 / Ausland
Katar

Strategische Schmeicheleien

Türkei und Katar bauen Zusammenarbeit aus. Doha hält an Kooperation mit dem Iran fest
Von Gerrit Hoekman
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In Zukunft noch enger verbunden: der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu und sein katarischer Amtskollege Scheich Mohammed Bin Abdulrahman Bin Jassim Al Thani bei einem Treffen in Doha (1.11.2018)

Die Türkei will ihre Beziehungen zu Katar in den Bereichen Handel, Energie, Tourismus und Landesverteidigung weiter ausbauen. Das kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntag an, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Besonders der letzte Punkt macht den anderen Golfstaaten Sorgen, allen voran Saudi-Arabien.

»Wir werden niemals die Solidarität vergessen, die unsere katarischen Brüder unserem Land bei fast allen Themen gezeigt haben. Angefangen beim Staatsstreich vom 15. Juli bis hin zum Angriff auf den Wechselkurs der Lira«, sagte Erdogan bei einem Besuch im Werk des türkischen Lastwagenherstellers MBC in Sakarya. Es könnte kaum einen passenderen Ort für Schmeicheleien in Richtung Katar geben – die Armee des Emirats ist seit 2014 zu 50 Prozent an dem Unternehmen beteiligt.

Zudem hat Erdogan den Bau eines riesigen Industriekomplexes für die Produktion gemeinsamer Rüstungsgüter in Aussicht gestellt, wie die kuwaitische Nachrichtenagentur KUNA meldete. 2023 soll das Areal fertig sein. Er betonte in diesem Zusammenhang, dass die türkische Abhängigkeit von ausländischem Kriegsmaterial seit 2002 von 80 auf 35 Prozent zurückgegangen sei.

Eine Hand wäscht die andere: Im August letzten Jahres versprach Katars Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, 15 Milliarden Dollar in türkische Unternehmen zu investieren, auch um den freien Fall der türkischen Lira zu stoppen. Das Versprechen war ein Dankeschön für die türkische Nothilfe, nachdem der große Nachbar Saudi-Arabien und die mit ihm befreundeten Staaten Ägypten, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate im Juni 2017 eine komplette Landblockade über Katar verhängt hatten.

In dieser brisanten Situation lieferte die Türkei alles, was das Emirat benötigte. Ankara verlegte umgehend eine Einheit samt fünf gepanzerten Fahrzeugen zu seiner Militärbasis nach Katar als Warnung an Saudi-Arabien. Deren Schließung ist eine der 13 saudiarabischen Forderungen für ein Ende des Boykotts.

Auf seiner Nahostrundreise kam US-Außenminister Michael Pompeo am Sonntag auch nach Katar. Während einer Presskonferenz rief er alle Beteiligten auf, die Krise zu beenden, wie Al-Dschasira meldete. Die USA bemühen sich seit geraumer Zeit um eine stabile arabische Allianz gegen den Iran und nutzen mit Großbritannien das Emirat als wichtigen Stützpunkt für Flugzeugträger im Persischen Golf.

Katar mag seine guten Beziehungen zum Iran nicht aufs Spiel setzen – weder für die USA und erst recht nicht für den ständigen Rivalen Saudi-Arabien. Ein wichtiger Grund: Das Emirat teilt sich mit dem Iran das South-Pars-Gasfeld unter dem Persischen Golf, da ist pragmatische Kooperation nötig.

Freundschaftliche Gesten inbegriffen. Zu Silvester kam die iranische Fußballnationalmannschaft zum Freundschaftsspiel nach Doha. Zuvor hatte Katar im November angekündigt, einen Teil der Mannschaftsquartiere bei der Fußballweltmeisterschaft 2022 in den Iran verlegen zu wollen, wie AFP meldete. Der kleine WM-Gastgeber hat nämlich ein großes Problem: Es gibt wahrscheinlich nicht genügend Platz für die 32 Teilnehmer und erst recht nicht für deren Fans. Deshalb sollen die Gäste eventuell auch in iranischen Hotels untergebracht werden.

Saudi-Arabien, Ägypten und auch Israel warnen vor einer Achse Katar-Ankara-Teheran. Beim sogenannten Doha-Forum im Dezember, an dem Vertreter aus 70 Ländern die Entwicklung der Region diskutierten, warfen sie dem Emirat vor, dem Iran bereitwillig eine Plattform zu bieten. Die Veranstaltung habe laut Jerusalem Post gezeigt, »dass Katar nicht isoliert ist und wie es sein Bündnis mit der Türkei und auch seine Hinwendung zum Iran ausgebaut hat«.

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