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Aus: Ausgabe vom 16.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Statistiker denken positiv

Ein Lob der »Kauflust«

Keine Rezession: BRD-Wirtschaft laut Schätzung im vierten Quartal minimal gewachsen
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Kaufrausch oder Fatalismus? Immer raus mit dem Geld. Zinsen darauf gibt’s ohnehin nicht

Deutschlands Wirtschaft ist nach Zeichen eines Konjunkturabschwungs im Sommer zum Jahresende offiziell wieder auf Wachstumskurs zurückgekehrt. In einer ersten Schätzung geht das Statistische Bundesamt von einem »leichten Plus« für das vierte Quartal im Vergleich zum Vorquartal aus. Das hatte die Behörde am Dienstag in Berlin auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa mitgeteilt.

Im dritten Vierteljahr war das Bruttoinlandsprodukt (BIP, Wirtschaftsleistung) um 0,2 Prozent geschrumpft. Zwei Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung in Folge gelten als Rezession – ein Szenario, das von Wirtschaft, Banken und Spekulanten ebenso gefürchtet wird wie von den Konsumenten und den jeweiligen Regierungen.

Im Gesamtjahr 2018 sei das BIP nach einer ersten Schätzung der Statistiker um 1,5 Prozent – nach jeweils 2,2 Prozent in den beiden Vorjahren – gewachsen. 2018 wird amtlich als das neunte Wachstumsjahr in Folge seit 2010 bezeichnet.

Konjunkturtreiber sei vor allen die konsumfreudige Bevölkerung (»Verbraucher«) gewesen. Allerdings sei der Zuwachs der entsprechenden privaten Ausgaben (plus ein Prozent) deutlich geringer ausgefallen als in den zurückliegenden drei Jahren, hieß es warnend. Auch gestiegene Investitionen vieler Unternehmen sowie der – von zahlreichen Beobachtern als »überhitzt«, also hochspekulativ, bezeichnete – Bauboom hätten für das Plus gesorgt. Die Konsumausgaben des Staates, zu denen unter anderem soziale Sachleistungen und Gehälter der Mitarbeiter zählen, legten den Angaben zufolge ebenfalls zu.

Der Außenhandel stagnierte offenbar auf höchstem Niveau. Nach den vorläufigen Berechnungen stieg der Export von Waren und Dienstleistungen (plus 2,4 Prozent) auch 2018, allerdings nicht mehr so stark wie in den Vorjahren. Hingegen legten demnach die Importe kräftiger zu (plus 3,4 Prozent), was die u. a. von der EU kritisierten Überschüsse der Handels- und Leistungsbilanz nicht mehr so üppig steigen ließ wie zuvor.

Plausibel scheint die Feststellung, dass die von den USA angeheizten Handelskonflikte das Exportgeschäft belasteten. Die für Deutschlands Wirtschaft enorm wichtigen Autoindustrie schwächelt und tut sich schwer bei der Einführung des neuen Abgas- und Verbrauchsstandards WLTP. Die Hersteller mussten zeitweise ihre Produktion drosseln.

Weiterhin überdimensional profitiert der Fiskus von der wirtschaftlichen Lage. Die Staatskasse – in der EU hinter Belgien jene mit den höchsten Abgabelasten – konnte nach Berechnungen der Statistiker 2018 zum fünften Mal in Folge mehr Geld einnehmen als ausgeben. Der Überschuss von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen sei auf den Rekordwert von rund 59,2 Milliarden Euro gestiegen. Schon deshalb setzt die Regierung auch für 2019 weiter auf die »Kauflust« der Bürger. Aus guten Grund: Der Privatkonsum macht gut die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung aus. (dpa/jW)

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