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Aus: Ausgabe vom 16.01.2019, Seite 1 / Titel
Flugsicherheit

Punktlandung für Verdi

Sicherheitspersonal streikt an acht Flughäfen. Auswirkungen auf internationalen Luftverkehr. Wirtschaftsverband hofft auf Hilfe vom Gesetzgeber
Von Susanne Knütter
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Das Sicherheitspersonal streikte gestern unter anderem am Frankfurter Flughafen für höheren Lohn und einheitliche Bezahlung

Unverhältnismäßig. Rücksichtslos. Ein »exorbitanter Exzess«. Mit diesen Worten bezeichnete der Flughafenverband ADV bereits im voraus die gestrigen Arbeitsniederlegungen des Sicherheitspersonals an acht deutschen Flughäfen. »Spätestens mit diesem dritten Ausstand binnen zehn Tagen wird der Bogen maßlos überspannt«, monierte der Generalsekretär des Tourismusverbands BTW, Michael Rabe.

Verdi weitete die Warnstreiks der Sicherheitsassistenten am gestrigen Dienstag auf acht Flughäfen aus. Neben dem Großflughafen Frankfurt am Main waren auch Hamburg und München betroffen, dazu Hannover, Bremen, Leipzig, Dresden und Erfurt. In Frankfurt hatte außerdem der Beamtenbund (DBB) zum Streik aufgerufen.

Etwa die Hälfte der geplanten 1.200 An- und Abflüge wurde nach Angaben des Betreibers Fraport von den Fluggesellschaften gestrichen, viele weitere hätten Verspätungen gehabt. Am Hamburger Flughafen fielen laut einer Sprecherin 202 der für Dienstag angesetzten 357 An- und Abflüge aus, wie dpa meldete. Die Streikbeteiligung war Verdi zufolge an allen Standorten hoch. In Frankfurt erwartete der DBB bis abends 20 Uhr weit mehr als 1.000 streikende Sicherheitsassistenten. Die Arbeitsniederlegungen am größten deutschen Luftverkehrsdrehkreuz hätten außerdem Auswirkungen auf den gesamten nationalen und internationalen Flugverkehr gehabt.

Die Schuld sehen Unternehmer- und Tourismusverbände selbstredend allein bei Verdi. Die Gewerkschaft trage die Streiks unberechtigterweise auf dem Rücken der Reisenden, der Fluggesellschaften und der Flughäfen aus, erklärte der ADV am Montag.

Dabei sind die Luftsicherheitsassistenten im Auftrag der Bundespolizei bei privaten Sicherheitsdienstleistern beschäftigt. Verdi zufolge hätten die Unternehmer vor rund 20 Jahren das Sicherheitspersonal an den Flughäfen aus den Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes herausgelöst, weil sie in diesem Bereich sparen wollten. Deshalb gebe es dort nun den ersten großen Verdi-Streik seit fünf Jahren, sagte Matthias Venema, Verdi-Streikleiter in Hessen, am Dienstag im Deutschlandfunk.

»Die Warnstreiks sind die Antwort auf das bisher unzureichende Angebot der Arbeitgeber«, erklärte Verdi-Verhandlungsführer Benjamin Roscher am Dienstag. Nach vier erfolglosen Tarifverhandlungen zwischen dem Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen (BDLS) und Verdi hatte es bereits in der vergangenen Woche erste Streiks zunächst an den Berliner Flughäfen, danach in Düsseldorf, Köln-Bonn und Stuttgart gegeben.

Die 23.000 Sicherheitsleute, die an den Airports Fracht, Personen und Waren kontrollieren, erhalten – je nach Bundesland – zwischen 14,70 und 17,16 Euro pro Stunde. Verdi fordert 20 Euro brutto, der DBB 19,50 Euro. Der BDLS bietet bislang eine Lohnerhöhung von etwa 40 Cent, wie eine Verdi-Sprecherin gegenüber jW erläuterte.

Worum es den Wirtschaftsvertretern angesichts der Streiks tatsächlich geht, ließ der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Steffen Kampeter am Dienstag im Deutschlandfunk vermuten: »Die Streikmaßnahmen von Verdi zielen ja nicht auf einen einzelnen Betrieb, sondern sie wollen das Luftverkehrssystem insgesamt treffen.« Das wirke sich auf die gesamte Volkswirtschaft aus. Das habe mit der Parität, die dem Streikrecht zugrunde liege, überhaupt gar nichts mehr zu tun. Deshalb solle der Gesetzgeber, appellierte Kampeter, insgesamt in relevanten Bereichen die Waffengleichheit wiederherstellen. Der Streik wirkt, die BDA ist beunruhigt. Verdi scheint etwas richtig zu machen.

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