Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 10 / Feuilleton

Na du, komm

Kennst du David Bowie? Eine Erinnerung anlässlich des dritten Todestages

Von Max König
RTXG8EO.jpg
Auch ich spürte die musikalische Vision, die mich umarmte: David Bowie mit seiner Frau Iman Abdulmajid (1995)

Zwei Jahre lebt Bowie in Berlin (1976–78). Ist produktiv wie lange nicht mehr. Er arbeitet mit Brian Eno und Tony Visconti zusammen. Es entstehen Meilensteine der Musikgeschichte. Das düstere Album »Low« (1977) ist der Auftakt für die Berlin-Trilogie. In kurzen Abständen folgen »Heroes« (1977) und »Lodger« (1979).

»Heroes« ist mein erster Kontakt mit Bowies Werk. Ich sage Werk und meine es auch so. Für mich ist Bowie der Mozart der Moderne. Ich fahre damals eine hippe rote Vespa, bin ein Popper mit langem gepflegten Scheitel, extravagant gekleidet, ein eingebildetes Arschloch, das aus der Arbeiterklasse stammt und nichts vorzuweisen hat, außer dass es als erster seiner Familie ein Gymnasium besucht und Schriftsteller werden will. Ich bin fleißig, jobbe nebenher, verdiene mir Vespa, schmucke Kleidung, den teuren Friseur, ohne die Taschen meiner Eltern zu plündern. Immerhin. Und: Ich rauche nicht. Ich trinke nicht. Ich nehme keine Drogen. Das änderte sich. Schlagartig. Als ich Bowies Klängen zum ersten Mal lauschen durfte. Wie Frankensteins Monster, das verklärt guckt, weil ein Geiger geigt. Es schnappt mit den Händen nach den Tönen, es denkt, Klänge seien greifbar. Auch ich spürte die musikalische Vision, die mich umarmte …

Eines Tages besuche ich einen Freund aus gutem Hause – ebenfalls ein politisch integrer Popper mit mächtigem Scheitel, seine CDU-Eltern sind übers Wochenende fort und haben Vertrauen. Seine sexy Schwester öffnet mir die Tür. Sie ist Punkerin, geht aufs gleiche Gymnasium. Ihr Bruder sei beim Promifriseur und ginge dann shoppen, meint sie lakonisch und lächelt. Ihr Haar ist rosa gefärbt und zerzaust. Ich könne ja auf ihn warten, sagt sie und bittet mich herein wie eine Mephistophela. Wir gehen in ihr Zimmer. Es ist verdunkelt, Räucherstäbchen glimmen, eine einzige heruntergebrannte Kerze gibt gerade ihren Geist auf. Laute Musik donnert gegen die Wände. In den Ecken lümmeln schemenhaft rauchende Mädels und Jungs. Leere und volle Bierflaschen liegen auf dem Boden. Sie setzt sich auf eine zerschlissene Matratze. Na, du, komm, sagt sie, und ihre Augen wandern von mir zur Matratze. Ich setze mich neben sie, zupfte mit unsicheren Händen meinen Burberry-Mantel zurecht. Magst du David Bowie? fragt sie. Ich kenne David Bowie nicht, grinse. Sage: Klar. Geiler Typ. Sie beugt sich über den Plattenspieler. Ihre schwarzen Nylons haben Risse, ihr hellblauer Plastikminirock ist durchsichtig, ihr T-Shirt zerfranst, sie ist hübsch.

»I, I will be King / And you, you will be Queen …«

Ein vermeintlich männlicher Punk-Schatten öffnet mit den Zähnen eine Bierflasche, reicht sie mir, stößt mit mir an. Die Schwester dreht eine größere Zigarette. Wir rauchen, lauschen dem Hero. Die Schwester küsst mich. »Just for one day …«

Als mein gescheitelter Freund Stunden später zu Hause eintrifft, habe ich keinen Scheitel mehr. Meine Haare sind rot gefärbt und zerzaust. Ich sitze nackt neben seiner nackten Schwester und drehe eine große Zigarette. Konzertant laut und düster hämmert das »Low«-Album vor sich hin. Kennst du David Bowie, frage ich ihn. Du blödes Arschloch, brüllt er und schlägt die Tür hinter sich zu. Nach dem Abi studiert er BWL. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er Bowie nie gehört hat. Mein Leben damals war ein bowiescher Dauerrausch. Ich schrieb und flößte mir Unmengen ungesunder Substanzen ein. Bis zu meinem 27. Lebensjahr. Da begegnete mir die künftige Mutter meiner Kinder. Sie war meine Betty-Ford-Klinik. Die Liebe zu Bowie ist geblieben. Ich hörte ihn leise, wenn meine Frau schlief und ich schrieb. Er war mein ständiger Begleiter, meine musikalische Muse, um an neuen Texten zu arbeiten. Er sorgte für die mentale Stimmung, die ich brauchte. Meiner Frau war Bowie zu atonal. Ich hörte ihn erst wieder laut, als wir in die Trennungsphase kamen … Da dachte ich zum ersten Mal wieder an die Punker-Schwester meines ehemaligen Scheitelfreundes, und was wohl aus ihr geworden ist. Als meine Frau ausgezogen war, rief ich sie an. Mein Herz pochte, als ich ihre Stimme vernahm. Im Hintergrund lief Bowie. Sowohl bei ihr als auch bei mir. Wir mussten nicht viel reden …

Am 8. Januar 2016, Bowies 69. Geburtstag, erschien sein »Blackstar«-Album. Ich hörte eine überschwengliche Kritik im Radio. Kaufte es. Hörte sie mit meiner Punkerin, die heute keine Punkerin mehr ist. Die CD lief von Anfang bis Ende durch. Wir redeten kein Wort. Lauschten den traurigen Texten, dem teils harten beklemmenden Sound. Sie küsste mich, sagte: Ich glaube, Bowie liegt im Sterben.

Zwei Tage später war David Bowie tot.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton