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Da passiert etwas

Von Mumia Abu-Jamal
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Ein Wandgemälde in Paris: Hommage des Künstlers Pascal Boyart an die »Gelbwesten«-Bewegung (Januar 2019)

Zu Beginn des neuen Jahres ist es wichtig, sich die Entwicklungen im Westen mit neuem, kühlem Blick genau anzuschauen. Sozialistinnen und Sozialisten neigen dazu, in jedem kritischen Ereignis gleich die »Krise des Kapitalismus« zu sehen. Krisenerscheinungen gibt es natürlich, das ist wahr, aber wie oft muss noch gesagt werden, dass es niemandem hilft, blinden Alarm zu schlagen?

Betrachten wir die Ereignisse in Frankreich näher, insbesondere das plötzliche Auftauchen der »Gelbwesten«, die zumeist Angehörige der Arbeiterklasse aus kleinstädtischen Gebieten auf dem Land sind. Die wagen es doch tatsächlich, die Vertreter der derzeitigen politischen Führung mit Königen aus der Zeit der Französischen Revolution zu vergleichen, die unter der Guillotine endeten. Also, da passiert etwas.

Großbritannien ist mit einer Entwicklung konfrontiert, bei der es sich im wesentlichen um einen selbst auferlegten Ausschluss aus der Europäischen Union und dem damit verbundenen Verlust von Milliarden im Welthandel und unzähligen Arbeitsplätzen handelt – ja, da passiert etwas.

Die Vereinigten Staaten von Amerika erleben derzeit Höhen und Tiefen auf dem Aktienmarkt, also eine ähnliche Situation wie in den 1930er Jahren, als die Große Depression das Land in den Abgrund stürzte. Sicher, da passiert etwas. Und wenn wir uns die jüngste Neigung der Herrschenden des Westens ansehen, mit faschistischen Bewegungen zu spielen – dann passiert da tatsächlich etwas, auch wenn es nicht besonders schön ist.

Aber – sind das alles wirklich Zeichen für die Krise des Kapitalismus?

Ja, denn es ist eine globale und keine nationale Entwicklung, und der sich abzeichnende Aufstieg faschistischer Bewegungen folgt unaufhaltsam auf die Ära des Neoliberalismus, der uns hier in den USA eine beispiellose Masseninhaftierung einbrachte – als Folge staatlicher und polizeilicher Repressionen gegen die Gemeinschaften der Schwarzen, Latinos und armer Weißer.

Diese Repression öffnete all jenen rechten Bewegungen Tür und Tor, die wir am Rand der Gesellschaft wachsen sehen. Warum? Weil Bewegungen immer im Fluss sind – sie stehen niemals still. Das gleiche gilt jedoch auch für die Bewegungen der Arbeiter, der Armen und der nationalen Minderheiten. Wenn wir diesen historischen Moment, diese Stunde des Chaos nicht nutzen, dann werden wir das am Ende alle sehr bereuen.

Übersetzung Jürgen Heiser

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