Aus: Ausgabe vom 12.01.2019, Seite 11 / Feuilleton

Ode an die Republik

Von Erich Weinert

O heilige Republik, die wir besitzen,

Wie hast du neunzehnachtzehn bös geschaut!

Heut sehn wir freundlich deine Augen blitzen,

Denn heut bist du vertieft und ausgebaut.

*

Ein Scheidemann, der hat dich ausgerufen

Und dir Versöhnungsgeist ins Herz gepflanzt,

Daß du auf besseren Gesellschaftsstufen

Bald ungeteilte Sympathien gewannst.

*

Ein Noske schützte dich vor Spartakiden;

Er hat die rote Welle abgedämpft.

Und seine Gardeschützen brachten Frieden;

Die haben dich mit Blut für uns erkämpft.

*

Da stehst du strahlend mit dem Gummiknüttel

Der demokratisierten Polizei

In deinem frischgewaschnen Freiheitskittel

Und rufst das ganze deutsche Volk herbei.

*

Bis weit nach rechts eroberst du Gelände,

Weil du den Klassenkampf beseitigt hast.

Du botest zur Versöhnung deine Hände

Selbst dem, der dir so manchen Hieb verpaßt.

*

Als die Parteien goldne Brücken schlugen,

Hast du voll Pietät den Thron bronziert

Und hast mit milder Hand in alle Fugen

Des Staatsgebäudes Friedenskitt geschmiert.

*

Du zeigst, was Aufbauwille im Verein schafft,

Wenn Kapital und Arbeit Frieden schließt.

Nimm an dein Herz die große Volksgemeinschaft,

Die du zu Zucht und Einigkeit erziehst!

*

Erhalte den von Ebert einst geschaffnen,

Den schwarzrotgoldenen Kulturschutzpark,

Und hilf, daß wir die rote Front entwaffnen!

Der Feind steht links! O Republik, sei stark!

Für die Erinnerung an dieses Gedicht aus dem Jahr 1928 (veröffentlicht u. a. im Weinert-Lyrikband »Das Zwischenspiel«, Verlag Volk und Welt, 1950) bedanken wir uns bei der Leserin Cilly Keller


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