Aus: Ausgabe vom 12.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Welche Art Rezession?

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise
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Der Tribut an den Finanzsektor hemmt die Nachfrage und sorgt für Verarmung der Bevölkerung

Wenn in der Zeitung steht, dass eine Rezession möglich ist, dann ist sie meistens schon da. Noch ehe die Daten zum Bruttosozialprodukt im vierten Quartal vorliegen, werden Vermutungen laut, sein Wachstum könne wie im dritten Quartal negativ sein. Zwei Schrumpfquartale hintereinander bedeuteten »technisch gesprochen« schon eine Rezession. Aber, so kommt der Nachsatz, eine wirkliche Rezession müsse das keineswegs sein. Die Stärke der deutschen Unternehmen und der Optimismus der Verbraucher seien ungebrochen. Nur leider fällt auch der Ifo-Index, der auf der Beurteilung der aktuellen und erwarteten Geschäftslage von Unternehmen fußt, schon seit Monaten. Die Nachfrage nach Exportgütern gehe zurück. Auf dem großen chinesischen Markt und in ganz Europa laufe der Absatz von Pkw nicht erfreulich. Sorge bereite der »Brexit« und Herrn Trumps Angriffe auf den freien Welthandel. Und sogar Wirtschaftsminister Altmaier strahle nicht mehr den Optimismus aus wie im vergangenen Jahr.

Sicher ist jedenfalls, dass diese Rezession von anderen Faktoren ausgelöst wird als die vor zehn Jahren. Es war damals der Zusammenbruch des US-amerikanischen Immobilienmarkts und des damit zusammenhängenden Verschuldungsbooms, der die bis 2007 angeheizte Konsumnachfrage plötzlich stoppte. Diese Finanzkrise war der Auslöser für den Rückgang der Weltnachfrage, den Einbruch im Welthandel und den größten in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg je gemessenen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 5,9 Prozent im Jahr 2009. Die drei Jahrzehnte lang aufgeblähte Finanzblase hatte die Konjunktur angetrieben. Als dieser Antrieb fehlte, folgten zunächst ein Einbruch und dann acht Jahre, die man, je nach Temperament, als Jahre schwachen Wachstums oder Stagnation bezeichnen kann.

Dass in der Krise vor zehn Jahren die hohe Verschuldung nicht abgebaut, entwertet oder vernichtet, sondern bekanntermaßen von privaten auf staatliche Träger überschrieben wurde, ist die Krankheit, an der die Weltwirtschaft unverändert leidet. Der US-Ökonom Michael Hudson, der am heutigen Samstag auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz spricht, hat den parasitären Charakter des Finanzsektors in mehreren Büchern herausgearbeitet und geschildert, wie der Tribut an die Gläubiger die effektive Nachfrage hemmt, die Menschen verarmt und die Stagnation der kapitalistischen Weltwirtschaft verursacht. Zu Jahresbeginn hat der Internationale Währungsfonds die Schuldenstatistiken von 2017 publiziert. Danach beträgt die Verschuldung weltweit 184 Billionen Dollar, was 225 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts entspricht.

Im Unterschied zur Situation vor zehn Jahren wächst die Kreditvergabe trotz größter Anstrengungen der Notenbanken nicht rasant. Die stimulierende Wirkung auf die Finanzmärkte ist vergleichsweise mäßig und die auf das Realwachstum von Industrie und Handel ohnehin. Deshalb gibt es dieses Mal auch nicht den plötzlichen Bruch bei Finanzierung, Investitionen und Konsum. Eher ist zu befürchten, dass diese Rezession an vielen Stellen entsteht, sich schleichend entwickelt. Eine mäßige, zermürbende und vermutlich lang dauernde Rezession scheint bevorzustehen.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main


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