Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 16 / Sport

Schnee vom Staat

Am Wochenende steigt zum zweiten Mal der Dresdener Skilanglauf-Weltcup. Das Spektakel ruft Kritiker auf den Plan

Schnee_fuer_den_Skiw_55903800.jpg
Kunstschnee auf den verbrannten Elbwiesen: Dresden wartet auf den Weltcup

Eigentlich könnte René Kindermann zufrieden sein. Schon zum zweiten Mal verwandelt der MDR-Journalist an diesem Wochenende das Dresdner Elbufer in ein weißes Winterwunderland. Tausende Skilanglauffans werden dorthin pilgern und beim Sprintweltcup den Stars um Norwegens Überflieger Johannes Høsflot Klæbo zujubeln. Doch das Show-Event – in malerischer Kulisse von Frauenkirche und Semperoper eingerahmt – ist auch ein Politikum, das Organisator Kindermann fortwährend beschäftigt.

Denn die Kritiker des Weltcups sind laut. »Wir haben das Erzgebirge vor der Tür, wo gerade Schnee liegt. Dort könnte so eine Veranstaltung stattfinden«, sagte André Schollbach, Fraktionschef der Linkspartei im Sächsischen Landtag, der Sächsischen Zeitung: »Statt dessen wird an den von der Sommerhitze verbrannten Elbwiesen Kunstschnee ausgekippt. Das ist doch grotesk.« In der Tat wird viel Kunstschnee produziert, 4.000 Kubikmeter weißes Pulver wurden in rund einem Monat am Dresdner Flughafen hergestellt. Laut Kindermann sei die ökologische Belastung jedoch relativ gering. »2,8 Tonnen CO2 wurden durch Produktion und Transport des Schnees in die Luft geblasen. Aber jeder einzelne Dresdner produziert pro Jahr elf Tonnen CO2«. Diese Zahl hatte der Bund ermittelt.

Schollbach treibt jedoch nicht nur der Naturschutz um. Er sieht im Weltcup einen unnötigen Auswuchs des Kapitalismus – und ein Grab für öffentliche Gelder. »Worum geht es denn in Wahrheit?« fragte er: »Die Hotelindustrie baut Hotel um Hotel in die Stadt. Die wollen irgendwie ihre Betten füllen.« Gleichzeitig sei »für wichtige Aufgaben im sozialen, kulturellen und sportlichen Bereich kein Geld da«. 300.000 Euro hatte der Freistaat Sachsen, von einer großen Koalition aus CDU und SPD regiert, zum Weltcup beigesteuert. Die Stadt Dresden legte noch einmal 380.000 Euro oben drauf. Insgesamt arbeiten Kindermann und Koorganisator Torsten Püschel mit einem Budget von rund 1,2 Millionen Euro. Zwar stammen die staatlichen Gelder aus Marketingetats, doch Schollbach würde sie gerne andernorts investiert wissen. »Es ist nicht Aufgabe der öffentlichen Hand, mit Steuergeldern private Kunstschnee-Events zu bezahlen«, ist er überzeugt.

Ökonomischen Erfolg hat Kindermann jedenfalls: Bei der Erstauflage 2018 waren an beiden Tagen zusammengenommen rund 40.000 Zuschauer an der Strecke. Sogar die Geschäfte hätten mit Einnahmen von fast zwei Millionen Euro stark profitiert. Dass diese Zahlen seine Kritiker zum Schweigen bringen, darf jedoch bezweifelt werden. (sid/jW)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Sport
  • In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die erste Runde der Fußball-Asienmeisterschaft gespielt
    Glenn Jäger