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Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 15 / Feminismus
Volle Aufklärung steht noch aus

»Gegen Kapitalismus, Faschismus und Sexismus«

Gedenken an 2013 ermordete kurdische Aktivistinnen: Ömer Güney war kein Einzeltäter. Ein Gespräch mit Helin Asi
Von Gitta Düperthal
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Demonstration zum 1. Jahrestag der Ermordung von Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemez in Paris (2014)

Am 9. Januar 2013 wurden Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemez im kurdischen Informationszentrum in Paris von türkischen MIT-Agenten kaltblütig erschossen. Anlässlich des Jahrestags rufen Frauenräte zu einer Großdemo am Samstag, den 12. Januar in Paris auf. In Frankfurt am Main soll es am Wochenende darauf eine Gedenkveranstaltung geben. Was verbinden Sie mit den drei kurdischen Revolutionärinnen?

Der Mord an den drei Aktivistinnen markierte das Ende der Friedensverhandlungen zwischen der Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK, und der türkischen Regierung. Kurdischen Aktivistinnen und Aktivisten war damals sofort klar, dass er politisch motiviert war und professionell ausgeführt wurde. Die Täter waren in das Zentrum eingedrungen und hatten die drei Kurdinnen durch Kopfschüsse regelrecht hingerichtet. Die drei Frauen gehörten zur PKK, die sich für Rätestrukturen, die Befreiung der Frau und die Partizipation der Bevölkerung stark macht. Sakine Cansiz war 1978 Gründungsmitglied der PKK. Mit den Morden begann eine neue Kriegsphase. Es war das Zeichen, dass der Frieden enden sollte: Der türkische Staat hat seinen Krieg gegen die Kurdinnen und Kurden, andere Oppositionelle und Regimekritiker in der Türkei verschärft. Terroristische Gruppen, unter anderem der sogenannte Islamische Staat, griffen mit Hilfe der Türkei die befreiten Gebiete in Nordsyrien an. Später marschierte die türkische Armee selbst ein. Politikerinnen und Journalistinnen wurden dort in die Gefängnisse gesperrt, kurdische und linke Aktivistinnen und Aktivisten zu Terroristen erklärt. Das türkische nationalistische Regime befeuert die Hetzjagd.

Welche Rolle spielt dabei Abdullah Öcalan, PKK-Vorsitzender und Inspirator der Jineologie, der Wissenschaft der Frauen, des kurdischen Feminismus?

Seit 20 Jahren sitzt er im Gefängnis auf der Insel Imrali, von wo aus er Friedensverhandlungen geführt hatte – nun konsequent in Isolationshaft. Im Juli 2015 erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Friedensprozess einseitig für beendet. Aus der Sicht der kurdischen Frauenräte war der dreifache Mord in Paris ein gezielter Angriff auf die Frauenbewegung: in einer Zeit, als die Frauen in Kurdistan auf jeder Ebene die Revolution angeführt haben. 2013 war in Nordsyrien und in kurdischen Regionen der Türkei die Selbstverwaltung ausgerufen. In Kobani wurden Frauenräte und Frauenverteidigungseinheiten, YPJ, aufgebaut. Jede Entscheidung war paritätisch getragen, alle Institutionen erhielten eine Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann. Die Gezi-Proteste in der Türkei zur Erhaltung des gleichnamigen Parks in Istanbul weiteten sich zur solidarischen Demonstration gegen die Regierungspolitik aus. Frauen waren überall ganz vorn mit dabei. In vielen Revolutionen wurde dies ja vernachlässigt.

Gab es weitere Beispiele dafür, dass der türkische Staat gezielt gegen die Frauenbewegung vorging?

Am 4. Januar 2016 wurden in Silopi in der Provinz Sirnak drei kurdische Aktivistinnen und Politikerinnen umgebracht: Seve Demir, Parteiratsmitglied der Partei der Demokratischen Regionen, DBP, Fatma Uyar, Mitglied des Kongresses der Freien Frauen, KJA, und Pakize Nair, Kovorsitzende des Volksrates von Silopi. Die Hinrichtung der Frauen, die jahrelang an der Frauenbewegung beteiligt waren und sich für eine demokratische Lösung einsetzten, erinnert an die Morde in Paris. Ihrer zu gedenken bedeutet, den revolutionären Prozess, den sie mitbestimmt haben, nicht zu vergessen, ihren Widerstand fortzuführen.

Was ist Ihnen über die Geschichte der drei in Paris ermordeten Revolutionärinnen bekannt?

Ich lernte Sakine Cansiz und Fidan Dogan in Europa persönlich kennen. Sakine war die treibende Kraft für das Erkämpfen von Frauenrechten. Ihr Name in der PKK war »Sara«, unser Frauenrat in Offenbach ist nach ihr benannt. Ich traf sie als Jugendliche bei einer Veranstaltung, lernte ihre Geschichte kennen. Trotz Folter im Gefängnis in der Türkei hatte sie mit anderen verhafteten Frauen Widerstand organisiert und in den Bergen Kandils mit der PKK-Guerilla für die Frauenbefreiung gekämpft. Sie behandelte die Menschen nie von oben herab, betrachtete sich als Teil der Gesellschaft. Fidan Dogan kannte ich seit meiner Kindheit. Sie hielt sich meist in Frankreich auf, arbeitete im kurdischen Informationszentrum; war diplomatisch für die Menschenrechte aktiv und hatte Kontakt zum damaligen Präsidenten François Hollande. Leyla Saylemez, die jüngste der drei Aktivistinnen, wirkte in der kurdischen Jugendbewegung.

Die zuständige Staatsanwaltschaft in Frankreich ging in der Anklageschrift von einer Beteiligung des türkischen Geheimdienstes MIT an dem Dreifachmord aus. Warum konnten die genauen Umstände nicht geklärt werden, bevor der tatverdächtige Agent im Dezember 2016 in der Zelle verstarb?

Die französischen Behörden hatten drei Jahre lang ermittelt und den Prozess ständig verzögert, obwohl bekannt war, dass der festgenommene Ömer Güney einen Tumor hatte. Nach seinem Tod blieben dessen Verbindungen zum Geheimdienst der Türkei im dunkeln. Frankreich kooperierte, ebenso wie Deutschland, eng mit der Türkei. Deshalb wurde das Informationszentrum in Paris, wo die drei Aktivistinnen gearbeitet hatten, auch 2013 vom französischen Staat überwacht. Um so merkwürdiger, dass die Morde bis heute unaufgeklärt sind. Als Aktivistinnen des Frauenrates demonstrieren wir in Paris, um gegen Kapitalismus, Faschismus und Sexismus zu kämpfen. Wir fordern, die Morde an unseren Freundinnen lückenlos aufzuklären.

Helin Asi ist Aktivistin beim kurdischen Frauenrat Sara in Offenbach

Gedenkveranstaltung »Drei freie Frauen«, 19. Januar, 16 Uhr, Saalbau Titus-Forum, Walter-Möller-Platz 2, Frankfurt am Main

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