Gegründet 1947 Mittwoch, 20. März 2019, Nr. 67
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 11 / Feuilleton

Lieber Oliver Mommsen!

Von Eike Stedefeldt
697px-Theodor_Mommsen_2.jpg
Eine Familie von Promis: Starhistoriker Theodor Mommsen (1817–1903)

Das ist eine Glückwunschkarte, denn am 19. Januar haben Sie Geburtstag. So wie ich! Doch weit mehr verbindet uns. Genauer: mich mit Ihnen. Sie kennen mich ja nicht.

Beide sind wir Wahlberliner, Sie seit 1990, ich seit 1983, und leben – Sie mit Frau, Sohn und Tochter – im Bergmann-Kiez. »In den letzten Jahren«, erzählten Sie 2017 in einem Kreuzberger Café der Neuen Osnabrücker Zeitung, »wurde zweimal bei uns eingebrochen«. Bei uns nur im Keller, dafür dreimal! Dass Sie jenem Interview zufolge die Ehe für ein Auslaufmodell und sexuelle Freiheit darin für wichtig halten, eint uns sogar politisch.

Begegnet sind wir einander auch schon, korrekterweise: Sie mir. Auf der Bergmannstraße, Höhe Passionskirche. Beim Beinahe-Zusammenstoß kam Ihr Blick dem von Frau Mouskouri recht nahe, als ich ihr gleich zwei Exemplare ihrer Memoiren zum Signieren hinhielt. Hand aufs Herz, Herr Mommsen: Würden Sie, behängt mit dem Wocheneinkauf, zur Seite hüppen, wenn auf schmalem Trottoir zwei Jogger nebeneinander auf Sie zu rennen, die’s auch gut hintereinander tun könnten? Da gibt’s bei mir keinen Promibonus.

Ihre Funktionskledage sah übrigens fesch aus, dito Ihr Mitläufer.

Fünfzig werden Sie nächste Woche, kaum zu glauben! Wie machen Sie das, wo so was wie meine teure Antimimikfaltencrème aus Paris für Schauspieler wohl ausfällt? Dazu noch so volles schwarzes Haar! Wobei … Grau ist aktuell selbst bei Jünglingen ziemlich angesagt, da könnten Sie in naturell glatt als George Clooney von Berlin SW 61 durchgehen. Was schon mondäner klänge als »der schönste ›Tatort‹-Kommissar«.

Womit wir beim Kitt wären, durch den Sie seit 2001 an mir kleben. Indem Radio Bremen damals den 32jährigen »Stedefreund, Nils Stedefreund« zum »Tatort« sandte, verlängerte die Anstalt die Verballhornungsliste von »Stedefeldt, Eike Stedefeldt« dramatisch. Frauen, stets sind es Frauen: Freud hätte seine helle Freude an Ihrem kleinen »-freund«. Unerfüllte Gelüste gerinnen in Ämtern, Presse- und Werbeabteilungen zu Anreden und Adressen, zu Homunkuli mit meinem schönen Vor- und Ihrem doofen Rollennamen, Herr Mommsen. Mit der Zeit habe ich mir abgewöhnt, Damen am Telefon zu korrigieren, die »Herr Stedefreund« säuseln, und gehe produktiv damit um. Meine Stimmlage zu senken vermag gelegentlich Verschlusssachen zu öffnen. Ein echter Trost darüber, dass den Anruferinnen dabei, sofern überhaupt, keinesfalls mein liebliches Antlitz vorschwebt, ist das leider nicht.

Haben Sie denn inzwischen das Œuvre Ihres Ururgroßvaters gelesen? An sich find’ ich’s ja toll, dass Blutes Stimme Sie mitnichten nötigt, sich lang mit einem Vorfahren aufzuhalten, bloß weil man ihm 1902 als »dem gegenwärtig größten lebenden Meister der historischen Darstellungskunst« den Nobelpreis für Literatur verlieh – »mit besonderer Berücksichtigung seines monumentalen Werkes ›Römische Geschichte‹«. Eine Verlegenheit, in die mich der Historiker in meiner Ahnenreihe nie bringen wird: Hermann Bernhard Stedefeldt, Sohn eines Fleischers aus Langensalza, fiel am 16. August 1870, zwei Tage nach seinem 26. Geburtstag, im Gemetzel bei Vionville. Da blieb außer Briefen an seinen Schulfreund Friedrich Nietzsche nur eine Dissertation über Plutarch.

Pardon, ich schweife ab. Sie wissen, dass wenige Meter südlich der Touristenmeile, durch die Sie gewöhnlich joggen, seit 1903 besagter Christian Matthias Theodor Mommsen ruht. Ahnten Sie aber, dass der 1817 im Schleswigschen Garding geborene Pfarrerssohn, der später Mitglied des Preußischen Landtags, dann des Reichstags war, der scharfe Gegner Bismarcks, der Proponent der Juden im Berliner Antisemitismusstreit und Rektor der Berliner Universität seine ersten anderthalb Berliner Dekaden auf Kreuzberger Terrain wohnte? Ende 1858 an die Preußische Akademie der Wissenschaften berufen, nahm er zunächst Logis in der Bernburger Straße 8. Seine ihm 1854 angetraute Frau Marie und er mehrten sich prächtig; zwölf von 16 Kindern wurden erwachsen. 1859 fand die Familie Quartier in der Neuenburger Straße 31, war 1863 in der Alten Jakobstraße 126 gemeldet und ab April 1866 für ein Jahrzehnt in der Schönebergerstraße 10 – als Eigentümer des Hauses. Das war jetzt für Ihr Familienalbum.

Nur dies noch, Herr Mommsen: Sollten Sie betreffs Ihres Urahns mal wieder was lesen wie auf literaturkritik.de: »Sein Grab auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Kreuzberg wird seit 1952 als Ehrengrabstätte gepflegt«, spurten Sie mal den Hügel rauf, bevor die Einfriedung umkippt.

Ähnliche:

  • SEK-Beamter mit Sturmgewehr am Donnerstag vor der Rigaer Straße ...
    16.11.2018

    Machtdemonstration im Kiez

    Berlin: Razzien von 560 Polizisten und SEK-Beamten in linken Hausprojekten
  • Das Luxushotel am Oranienplatz hat in Berlin-Kreuzberg wahrlich ...
    07.11.2018

    Ballermann im Szenekiez

    Noch ein Hotelbau in Berlin-Kreuzberg: Anwohner rufen zu Protesttreffen auf

Regio:

Mehr aus: Feuilleton