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Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Radio

Die Schwaden und das Wir-Gefühl

Walter Gropius sucht Stoff für eine Rede: Ein neues »Bauhaus-Konzeptalbum« im Deutschlandfunk
Von Stefan Amzoll
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Fast so schön wie in Buckys Rechenzentrum: Kommunikationsforscher Hugo Fastl im Soundlabor der TU München

In welchem Geiste wurde im April 1919 das »Staatliche Bauhaus in Weimar« gegründet, und was ist daraus geworden? Die Idee sei nach wie vor aktuell und in ihrer Geschichtlichkeit extrem widersprüchlich, suggeriert das Hörstück »Audio. Space. Machine – ein Bauhaus-Konzeptalbum«, das heute abend im Deutschlandfunk urgesendet wird. Die Autoren Christian Wittmann und Georg Zeitblom haben es mit zehn Solostimmen sowie Sprechchören und Klängen aus verschiedensten Quellen auch inszeniert. Stellenweise platzt die beachtliche Arbeit mit ihren konstruktivistischen Wortketten fast aus den Nähten. In den meisten Passagen ist sie kritisch und klarsichtig angelegt.

Ein starkes Wir-Gefühl, befördert durch dauernde Attacken der örtlichen Ministerialbürokratie und der traditionshörigen Kunstakademien, prägte die Garde der frühen Bauhäusler, der sich manch junger Künstler nach der Weltkriegskatastrophe nur anschloss, weil er ohne Wohnstatt und ausreichende Nahrung war. Das Stück lässt den Rädelsführer jenes Krieges, Kaiser Wilhelm II., im O-Ton zu Wort kommen, widmet sich aber auch dem Krisenmanagement der Jetztwelt, das futuristisch die »weltbeherrschende Rolle der künstlichen Intelligenz« beschwört. Die technische Welt sei gutzufinden, schallt es grotesk aus Mündern, verschandele sie auch Mutter Erde. »Es schmerzt euch, ein schönes Windrad in der Landschaft zu sehen«, parliert etwa ein Frauenchor. »Wir lachen, wir lachen und sausen staunend um den Erdball.«

Raffiniert zeigt das Stück auf, wie Technikbegeisterung auch damals im Bauhaus in blinde Vergötterung umschlug. Spaziergänge des Bauhaus-Gründers Walter Gropius durch Raum und Zeit verknüpfen historische und heutige Ideen aus Architektur und Kunst, darunter manche Schrulle. Gropius betritt etwa in New York City das Rechenzentrum von Buckminster Fuller, auch »Bucky« genannt, in dem ein Monster von Quantencomputer steht. In jeder Gesellschaft sei das Weibliche dem Männlichen untergeordnet, doziert »Bucky« aus rauher Kehle. Die beiden Herren kommen ins Plaudern, und es stellt sich heraus, dass Gropius Anregungen für eine Rede zu 100 Jahren Bauhaus sucht.

Dreh- und Angelpunkt des Stücks ist das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. So kommt auch das I-Phone als Leitmotiv ins Spiel – ein wissbegieriges Kind gerät darüber mit seiner Mutter in Konflikte. Unaufhörlich erscheinen elektronische Klänge wie schmutzige Schwaden am Himmel der Städte und verschwinden wieder. Geräusche aus Schalltrichtern, knisternde Telefonverbindungen, Wortmaterial in Dada-Art, inselförmige Partien von Schlagzeug und Bassklarinette gehören zur raffinierten Klangarchitektur.

Lebendig werden Originalaufnahmen und Texte von Bauhausgrößen wie Laszlo Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky. Auch Alma Mahler, Gropius’ Ehefrau, spricht. Passagen aus Manifesten schnurren ab: Kunst würde zur Realität, Künstler seien nichts als Ingenieure, zitiert eine Telefonstimme. Die Funktionalität der Dinge sei allem Althergebrachten vorzuziehen. Plüsch und Zierde seien unbrauchbar. Das Einfache, Klare, Nützliche müsse im Alltag obsiegen, geht es reihenweise durch die Mikrofone. Und mehr: etwa Kennzeichnungen des Mobiliars als Serie, der Mensch als mechanisches Wesen, die Wohnung als Maschine, die Städte und Häuser aus dem Baukasten. Ein Glatthobeln der Welt. Dergleichen bleibt keineswegs unwidersprochen. Kritische Stimmen mischen sich ein. Sie parodieren den Technik- und Rationalisierungsrausch, der die Massen in den 20er Jahren überkam und ab 1933 konform ging mit Aufrüstung und Krieg. Sie attackieren, was nach Mustern des Bauhauses angerichtet wurde.

»Audio. Space. Machine – ein Bauhaus-Konzeptalbum«, Ursendung heute, 20 Uhr, Deutschlandfunk

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