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Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Gender Trouble

Der Pastor und die Gendernazis

In den Niederlanden wird über die evangelikale »Nashville-Erklärung« zur Sexualmoral gestritten. Zu den Unterzeichnern zählen auch Universitätstheologen
Von Gerrit Hoekman
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Vor der Uni weht die Regenbogenfahne. Mit ihren ultrakoservativen Theologen tut sich die Freie Universität Amsterdam dennoch schwer

»Wir müssen unsere Stimme hören lassen. Als die Naziideologie aufkam, schwiegen die Kirchen. Nun drängt sich die Genderideologie auf, und die Kirchen schweigen wieder viel zu oft«, sagte der erzkalvinistische frühere Pastor Piet de Vries am Dienstag in der Onlineausgabe des Algemeen Dagblad. Ein ungeheuerlicher Satz, der in den Niederlanden die Diskussion über Homophobie in der Kirche anheizt.

Im Grunde genommen ist die Aussage keine Überraschung: De Vries ist Mitunterzeichner der sogenannten Nashville-Erklärung, ein Konglomerat an hinterwäldlerischen Ansichten zur Genderfrage und zu Homosexualität, das 2017 von Theologen in den USA ausgearbeitet wurde. Seitdem liegt der Text auch auf deutsch vor. De Vries und andere protestantische Fanatiker haben ihn nun ins Niederländische übersetzt und Anfang dieses Jahres veröffentlicht. Der Inhalt der 14 Artikel in Kürze: Homo- und Transsexualität sind Sünde. Wer entsprechend begehrt, soll sich heilen lassen und keinesfalls öffentlich outen.

Seit der Veröffentlichung mit den Unterschriften von rund 250 Geistlichen und Politikern wird die Erklärung in den Niederlanden kontrovers diskutiert, wobei Abscheu und Empörung deutlich überwiegen. »Eine Ansammlung orthodox-protestantischer Führer, die zum rechten Flügel des rechten Flügels gehören«, kommentiere der Kolumnist Stevo Akkerman am Mittwoch in der christlich orientierten Tageszeitung Trouw. »Es scheinen Menschen in unserer Mitte zu leben – in jedem Fall Männer – die auf der Basis von jahrhundertealten Texten etwas gegen Homosexuelle und Transgender haben. Und nein, es geht nicht um Muslime.«

Der letzte Satz ist ein Seitenhieb auf die im rechten Lager weitverbreitete Meinung, dass es vor allem der Islam ist, der sich homophob gibt. Doch der Fall De Vries zeigt, dass Hass auf Homo- und Transsexuelle wohl eher ein grundsätzliches Problem der sogenannten Buchreligionen ist, egal ob sie sich auf die Thora, die Bibel oder den Koran berufen.

Pastor De Vries gehört der Hersteld Hervormde Kerk an, der Wiederhergestellten Reformierten Kirche. Seit sich 2004 ein Großteil der kalvinistischen Gemeinden mit den Lutheranern im Land zur Protestantischen Kirche in den Niederlanden zusammenschloss, spaltete sich die Hersteld Hervormde Kerk ab und kocht seitdem ihr eigenes religiöses Süppchen. Sie soll rund 55.000 Mitglieder haben – eine verschwindend geringe Minderheit im Vergleich zu den insgesamt 2,4 Millionen Kalvinisten in den Niederlanden.

Aufgrund der homophoben Aussagen droht die Freie Universität in Amsterdam mit Konsequenzen. Dort ist De Vries Dozent für Theologie. Er habe mit seinem Vergleich zwischen Genderpolitik und Naziideologie »deutlich eine Grenze überschritten«, zitierte das Amsterdamer Lokalradio AT5 am Dienstag im Internet das Rektorat der Universität. Vor dem Unigebäude weht seit Anfang der Woche die Regenbogenflagge.

Trotz dieses Statements tut sich die Freie Universität etwas schwer mit dem Thema. Neben De Vries gehören sechs weitere Dozenten der theologischen Fakultät zu den Unterzeichnern der Erklärung. Am Donnerstag wollte sich das Rektorat mit De Vries treffen. »Dass es ein scharfes Gespräch wird, ist sicher«, sagte ein Sprecher der Universität bei AT5. Die von vielen geforderte Entlassung sei aber nicht so einfach.

Der Grund liegt in der Geschichte der Freien Universität: Sie wurde 1880 von Abraham Kuyper als orthodox-protestantische Lehranstalt gegründet. Kuyper war der Führer der »Anti-Revolutionaire Partij« (ARP), welche bei ihrer Gründung 1879 überhaupt die erste Partei in den Niederlanden war. Sie lehnte die Ideale der Französischen Revolution ab. Kuyper war von 1901 bis 1905 Ministerpräsident. 1980 ging die ARP in der christdemokratischen CDA auf.

Inzwischen hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und will den Text im Hinblick auf einen Straftatbestand genauer unter die Lupe nehmen. Drei Männer, die im Oktober 2016 ein anderes Pamphlet mit ähnlichem Inhalt verteilt hatten, bekamen unlängst wegen Verbreitung homophober Hetze ein Bußgeld von 500 Euro aufgebrummt.

De Vries hat sich mittlerweile für seine Aussage gegenüber dem Algemeen Dagblad entschuldigt. Die Initiatoren der »Nashville-Erklärung« wollen ihre Unterschriftensammlung vorerst einstellen, wie Trouw am Mittwoch berichtete. »Wir haben gemerkt, dass verschiedene Passagen im Text Bestürzung ausgelöst haben und anders gelesen wurden, als wir beabsichtigten«, erklärte Maarten Klaassen, einer der Initiatoren.

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